Heft 10/2004
Stimme
Broschur mit 76 Seiten
Format: 215 x 285 mm
ISSN 0040-5418
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Heft 10/2004
Editorial
Dico ergo sum "Cogito ergo sum" formulierte es einst Descartes - und wenn man sich in unserer Medienwelt umsieht, ist man versucht zu formulieren: Ich spreche, also bin ich. Das Fernsehen quillt über von Menschen, die sich um Kopf und Kragen reden, und in diesen Fällen möchte man schwören, dem Sprechen geht nicht unbedingt Denken voraus. Dass die Aufmerksamkeit und Bewertung, die einem Individuum zuteil wird, vor allem von der Menge der von ihm abgesonderten Wörter und der dabei verbreiteten Atmosphäre abhängt, ist aber nicht allein in den Bereich der Trivialkultur zu verdammen - Äußerungen von Wirtschaftsberatern zeigen, dass der Inhalt einer Rede bei wichtigen Geschäftsentscheidungen lediglich mit sieben Prozent zu Buche schlägt. Hauptsächlich gehe es darum, dem Gegenüber ein gutes Gefühl zu vermitteln, nett und angenehm zu sein, wofür vor allem der Klang der Stimme oder die Kleidung ausschlaggebend seien. Die Stimme ist ein wichtiges Ausdrucksmittel, vielleicht unser wichtigstes. Unsere Sprache kennt zahlreiche Redewendungen, die um die Stimme kreisen: Man kann einem Politiker seine Stimme geben, oder auch Gruppen, welche keine Lobby haben, zu einer Stimme verhelfen. Wenn man dagegen verstummt, kommt dies sozialer Isolation gleich. Die Stimme, das Sprechen, ist das, was uns als ganzes Wesen erscheinen lässt, unserem Äußeren einen Geist einhaucht, und damit ein "Gesicht verleiht". Menschen, die aus irgendeinem Grunde ihre Fähigkeit zur Mitteilung, sei es mit Hilfe von Worten oder auch in Gebärdensprache, verloren haben, wird oft leichtfertig auch das Denken abgesprochen. Denn nur wer sich formuliert, ist.
Auch im Theater ist die Stimme ein wichtiges Medium. Und auch hier scheint inzwischen das Wie des Sprechens häufig das Was abgelöst zu haben. Ging es früher noch darum, große Gedanken wohlartikuliert vorzutragen, erzählt sich in Aufführungen des Gegenwartstheaters oft mehr über die Art, wie eine Figur spricht, als über ihre Aussagen. TdZ geht im Schwerpunkt dieses Heftes der Stimme im Theater nach, beschreibt Veränderungen im Sprechen und im Hören auf der Bühne, porträtiert das Arbeitsfeld einer Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin, untersucht das Sprechen ohne Schauspiel- das Synchronisieren - und stellt mit der Hamburger Sängersprechstunde eine Institution vor, die sich verzweifelter Schauspieler, welche ihre Stimme verloren haben, annimmt. Und Stefan Kaegi, Mitglied der Gruppe Rimini Protokoll, stellt in seiner Kolumne eine Liste der für das Theater zu wünschenden Stimmen auf. Allen, die nach diesem Schwerpunkt Interesse an dem Thema gefunden haben, sei hier die von Doris Kolesch und Jenny Schrödl herausgegebene Publikation "Recherchen 21 - Kunst-Stimmen" empfohlen, die im November bei TdZ erscheinen wird.
Unter "Ein Podium für die Verstummten" lassen sich die anderen Themen dieser Ausgabe zusammenfassen: Texte aus dem jüngsten, umfangreichen Fund des Brecht-Nachlasses geben dem 1956 verstorbenen Dichter und Theatermann seine Stimme zurück. Von 1947 bis 1948 bezogen Brecht und seine Familie Quartier im schweizerischen Feldmeilen bei der DokumentarfJlmautorin Renata Mertens-Bertozzi. Der damals von Brecht dort zurückgelassene Koffer barg wahre Schätze für die Brecht-Forschung. TdZ druckt exklusiv aus dem Schweizer Nachlass den bislang unveröffentlichten Essay "Zweck des Theaterspielens" ab.
Unser Autor Holger Teschke sprach mit dem britischen Dramatiker und Drehbuchautor Tom Stoppard, der in seiner Trilogie "The Coast of Utopia" den russischen Intellektuellen um Wissarion Belinski, Alexander Herzen, Michail Bakunin und Iwan Turgenjew eine Stimme verlieh, und hinterfragt das utopische Potenzial ihrer Ideen. Und Franzobel, österreichischer Autor, bittet in der Reihe "Dramatiker wiederentdecken" um Gehör für Arnolt Bronnen.
Die andere Seite des Sprechens, das Hören, soll dabei auch nicht zu kurz kommen. Wie klingt eigentlich Theater? - Im Gespräch innerhalb unserer Reihe "Bühnenmusiker" stellen wir die Arbeiten des Komponisten und Pianisten Alexander Paeffgen vor. Eine Auswahl an Hörbüchern, die in unterschiedlichster Weise mit dem Theater verbunden sind, legen wir Ihnen im Magazin ans Ohr: eine Mephisto-Faust-Interpretation der Musiker Bela B und Thomas D, Originalaufnahmen von Bertolt Brecht, Gustaf Gründgens' umfangreiches Schallarchiv und die Monolog-Reihe des Schweizer Sprechtheater Verlags.
Nicht zuletzt erheben wir unsere Stimme zu Ehren von HansThies Lehmann und gratulieren dem bedeutenden Theaterwissenschaftler zum 60. Geburtstag. TdZ hat aus diesem Anlass ein Buch herausgebracht, in dem 60 Autoren dem Freund und Kollegen Hans-Thies Lehmann Essays widmen: "Recherchen 20 - AufBrüche".
Die Redaktion

