Heft 09/2007
IXYPSILONZETT 02/2007
Broschur mit 32 Seiten
Format: 210 x 280 mm
ISSN 0040-5418
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Heft 09/2007
Editorial
Wenn es um das Theater fur die Allerkleinsten geht, darf Hanne Trolle aus Dänemark nicht fehlen. Auch in Deutschland schätzt man ihre künstlerische Arbeit. In Grenaa wartete ihr Mänegool Teatret mit einer Produktion für 1 1/2 bis 4-Jährige auf. "Elverklokken" heißt "Elfenglocken", klingt in Dänisch aber viel schöner. Es geht also um Elfen und Glocken. Um einen Zauberwald und eine Zauberhöhle. Um ein Kind und um Tiere. Es gibt Fingerfiguren und Handpuppen, Puppen auf Stöcken und aus Fäden, es wird vor, hinter und auf der Bühne gespielt. Und das hat mich überrascht. Ich dachte immer: so einfach wie möglich, wenn's um die wuseligen Windelpakete geht. Nix da! Alles ist so bunt, dass man gar keine Farben mehr wahrnehmen kann, alles ist so komplex, dass ich selbst Probleme habe, dem Figurenarsenal zu folgen. Und brauchen überhaupt 11/2-Jährige Theater? "Sie brauchen's nicht", sagt Hanne Trolle, "aber schön ist's für sie doch!"
Roberto Frabetti aus Italien schreibt und spielt phantasievolle Geschichten für ein- bis dreijährige Kinder, "Dinosaurier" heißt eine davon, und sie beginnt mit einem Schrank. Auf Matten sitzen die Windelpakete und ihre Erzieherinnen, Frabetti begrüßt sie individuell und formiert auf diese Art und Weise ein kleines Zuschauerrund. Dann erzählt er von einer Reise zu einem großen Baum im Wald und seinen kleinen Vögeln und anderen Tieren. Eine einfache Geschichte, eine Geschichte über Großes und Kleines und über Veränderungen. Im Schrank befinden sich die Geheimnisse des imaginierten Waldes. Immer wieder klappt Frabetti ein Schrankelement um und gewährt Einblick in sein Figurenarsenal. Als sich schließlich alles offenbart, dreht er den Schrank um, und siehe da, da steht es, groß und mächtig, das Tier aus der Urzeit. Nach 35 Minuten packt Frabetti wieder alles zusammen und verabschiedet sich. Während des Spiels entfernt er sich nie von den Kindern. Er ist oft zwischen ihnen, denn sie sind das Theater. Das fordert vom Erzähler eine ungeheure Präsenz. Unter seinen Zuschauern die ganz Aktiven, die Faulen, die Schüchternen oder die leicht Abzulenkenden. Da kommt es auf die Stimmlage ebenso an wie auf den freundlichen, aber bestimmten Blick. Ich hätte nie geglaubt, dass ein solches Theater funktioniert, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Und ich weiß auch nicht, ob die Jüngsten etwas mit Theater anfangen können. Aber wie mit ihnen umgegangen wird, was ihnen gezeigt wird und mit welcher Intensität ihnen ein Mensch seine Aufmerksamkeit schenkt, das kann nicht ohne gute Wirkung bleiben. Mit der Einfachheit als Kategorie scheint es sich einfach zu verhalten. Schon ein erstes Nachdenken darüber, was z. B. Theater für Kinder von dem für Erwachsene unterscheidet, fuhrt immer wieder einmal zu der Feststellung, dass Kindertheater, um von ihren Adressaten angenommen zu werden, im Verhältnis zum übrigen Theater eine Grenze der Einfachheit wahren muss, d. h., dass sie in Sprache, Darstellungsweise und Sujet einen bestimmten Grad der Komplexität nicht überschreiten darf. Damit wird ein Teilbereich des Theaters, Kindertheater, insgesamt als einfach eingestuft, und zwar aufgrund eines relativ niedrigen Grades der Anforderung an das Dekodierungsvermögen seiner Zuschauer. In der Korrelation vom kindlichen Zuschauer und kunstantizipierender Begrenztheit ist Einfachheit ein negatives Merkmal. Es besagt, dass Kindertheater im Gesamtsystem des Theaters einen unteren Rang innehat, da der kleine Zuschauer eben nur durch ein "einfaches"Theater erreichbar sei. Angenommen wird dabei, dass Zugänglichkeit für Kinder, die für Kindertheater unerlässlich ist, notwendig auf künstlerisch unkomplizierte Weise zustande komme. Es ist aber zu prüfen, ob Stücke, die kindlichem Interesse und Verständnis entgegenkommen, weniger differenzierte, gewissermaßen unentwickelte theatralische Muster erfordern, oder ob die Rücksicht auf das kindliche Fassungsvermögen nicht gerade komplizierte Gestaltungen notwendig macht. Blickt man auf die Fülle der Probleme, die der Bezug zum kindlichen Zuschauer aufwirft und auf die vielfältigen Wege, die zu ihrer Lösung eingeschlagen werden, blickt man darüber hinaus auf die verschiedenen Ebenen und Funktionen des Kindertheaters im gesellschaftlichen Bezugsfeld, so erscheint es fragwürdig, Kindertheater generell als einfach einzustufen. Als Abgrenzungs- und Unterscheidungsmerkmal vom anderen Theater dürfte Einfachheit, sofern sie eine reduzierte Stufe bezeichnet, daher ungeeignet sein.
Einfachheit ist eben nicht leicht! Dem Theater für die Allerkleinsten wird sich IXYPSILONZETT intensiver widmen. Das Projekt des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland "Theater von Anfang an" bedarfder Begleitung mit Diskursen, die im "Magazin für Kinder- und Jugendtheater" dokumentiert werden.
Wolfgang Schneider

