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Selbstporträt mit Skelett

Teatr Malabar Hotel Warschau und das BTL Białystok: „Czarodziejska góra“ (Der Zauberberg)

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Es gibt manchmal besondere Abende im Theater, an denen man dankbar ist und froh, dabei gewesen zu sein. Und wenn man dann beschreiben möchte, weshalb man dies für ein Glück hält, ist man zum Scheitern verurteilt. Denn wie kann man den komplexen Vorgang darlegen, der sich schon wieder verflüchtigt hat und bereits gewesen ist, zumal zu diesem ganzen Erlebnis in nicht unerheblichem Maße die eigene Gestimmtheit gehört … Das Gastspiel des Teatr Malabar Hotel, Warschau und des Puppentheaters Białystok, das ich in der Schaubude Berlin gesehen habe, weiß um diese Flüchtigkeit und um die Verwirrung, die unser Bewusstsein angesichts der Tatsache befällt, dass wir endlich sind. Für das Erproben und Durchspielen seiner Vorstellungen hat das Ensemble aus Polen sich einen sprachgewaltigen Text heran gezogen, den Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann, veröffentlicht in einer Zeit, in die der Erste Weltkrieg noch nachhallte; „[…] der Dualismus von Geist und Natur, der Widerstreit von civilen und dämonischen Tendenzen im Menschen – im Kriege wird dieses Problem ja eklatant, und in die Verkommenheit meines Zauberberges soll der Krieg von 1914 als Lösung hereinbrechen […].“1

Teatr Malabar Hotel Warschau/BTL Białystok, Czarodziejska góra (Der Zauberberg). Foto: Hendrik Mannes
Teatr Malabar Hotel Warschau/BTL Białystok, Czarodziejska góra (Der Zauberberg). Foto: Hendrik Mannes

Schreiben und Theatermachen können weit auseinanderliegende Tätigkeiten sein, Lesen und Theater-Erleben sind sich da schon ähnlicher. Wobei eine Aufführung in nachbarlicher – hier polnischer – Sprache und die damit verbundene Bildübertertitelung diese Arten von Rezeption schon wieder verbindet und, hat man sich erst mal darauf eingelassen, einen besonderen Reiz schafft, nämlich die Spannung zwischen dem szenischen Agieren des Theaters und dem geschriebenen Wort zu erleben. Regisseur Hendrik Mannes (Regiemitarbeit Antonia Christl) und das Team haben mit gutem Gespür die dramatischen Seiten des Wortgebirges per Destillation gewonnen und mit sparsamen Mitteln ein assoziationsreiches Pendant zum Text geschaffen, dessen absurde und poetisch-scharfe Bildwelten noch lange nachwirken.

Große Momente gab es an diesem Abend, wenn Puppen mit Menschen zu Bildern ergänzt wurden, die dem tragischen Themenkreis von Krankheit und Tod ihre Referenz erweisen. So, wenn Magdalena Dabrowska suchend den Blick der übergroßen Theaterpuppe eines Skelettes in das Halbdunkel des Zuschauerraumes richtet – nur hier, im Puppenspiel, kann der Tod so lebendig wirken. Überhaupt, die überraschende Leichtigkeit des Abends: Gab es schon witzigere Darstellungen einer Szene im Röntgenraum? Ich werde beim nächsten Arzt-Termin an die endlos blutigen Verstrickungen der Spieler denken müssen, welche die Herstellung einer der aufregenden Innenansichten des kranken Menschen – dem zentralen Gegenstand der Inszenierung – mit gutem Humor zelebrieren: Einatmen – Luftanhalten – Ausatmen.

Machte das über allen Krankheitsverdacht sich erhebende bürgerliche Zwinkern des Autors vor fast einhundert Jahren2 die Schilderung der psychophysischen Wunden des Ersten Weltkrieges überhaupt erst möglich, so ist dies in der Aufführung des polnischen Ensembles zum Glück einer lakonischen Bitterkeit gewichen. Wie im wirklichen Leben ist das Personal der Heil-Anstalt (schön wahnsinnig Cezary Jabłonski in der Rolle von Dr. Krokowski) nur dort transparent, wo es ihnen selber nützt: Schlechtes Essen, schlechte Behandlung, Übergriffe, Demotivation; der Kranke soll – damals wie heute – sich unterordnen und in der Hauptsache den Profit der Eigentümer sichern. Hans Castorp, mit gewinnender Einfachheit von Marcin Bartnikowski gespielt, zeigt uns, wie durch das entsprechende Umfeld aus einem wissbegierigen und sich noch trotzig gesund fühlenden Neuling im Laufe der Zeit die gleiche hoffnungslose Marionette gemacht wird, wie es die anderen Insassen schon sind. Am Ende zieht er narkotisiert in einen vermeintlich heilsamen Krieg.

Die Personnage des Abends tritt uns als moribunder, aber einfallsreicher Haufen entgegen. Flüssigkeiten spielen in der Inszenierung keine kleine Rolle und werden auch im Text ja ohnehin schon in eine bestimmte Richtung interpretiert: Erst ist es die „feuchte Stelle“ im Brustkorb von Castorp, dann wird die Feuchte mit „Humor“3 definiert und der obligatorische Lungenfunktionstest mit all seinen überraschenden Anweisungen gerät zur schwarzen Lachnummer, bevor die Mannschaft aus dem klebrig-tropfenden Blutbeutel die Süße des verrinnenden Lebens schleckt. Die Inszenierung bietet die ganze Bandbreite – vom gemein-wiehernden Kalauer über die Verballhornung hin bis zur versteckten Pointe, die erst Tage später wirkt. Wie zum Beispiel der Schachzug, beide gegensätzlichen „Schwätzer“ (Settembrini und Naphta) in einer, von Marcin Bikowski hervorragend gespielten, Doppel-Figur zu vereinen und ihren mörderischen Antagonismus als Argumentations-Wahnsinn im Wortsinn zu entlarven. Oder wie jene fast unhörbar akzentuierende Musik von Anna Stela, die aus den vielstimmigen pneumatischen Geräuschen des Spiels hervorgeht.

Da bereits zu Anfang der Inszenierung über das Phänomen der Zeit und ihrer ganz unterschiedlichen Wahrnehmung gesprochen wurde, verwundert es nicht, wenn einen nach ungefähr vier Stunden das Gefühl befällt, es hätte gerade erst begonnen. Einhundert Jahre nach dem Weltkriegsjahr 1916 trete ich aus der Fülle des Theaterabends in die Berliner Winternacht und lese die aktuellen Werbe-Plakate der Bundeswehr. ::: www.malabarhotel.pl ::: www.btl.bialystok.pl

Die Inszenierung „Der Zauberberg“ des Regisseurs Hendrik Mannes feierte im Dezember in Berlin ihre Deutschlandpremiere. Die eigenwillige und höchst komplexe theatrale Adaption des Romans gab dem Rezensenten Anlass, über die Wirkmächtigkeit von Sprache und Bildern zu reflektieren und das Spannungsfeld zwischen szenischem Agieren und geschriebenem Wort auszuloten.

SUMMARY
In December the production of “The Magic Mountain” by the director Hendrik Mannes celebrated its premiere in Germany in the Berlin Schaubude. The idiosyncratic and highly complex theatrical adaptation of the novel gave the reviewer an opportunity to reflect on the potency of language and images, and gauge the tension between scenic action and the written word.

1 Thomas Mann, Selbstkommentare: Der Zauberberg. Hg. v. H. Wysling, Frankfurt/Main, Fischer 1993, S.11
2 1913 begonnen, 1924 erschienen
3 Das Wort Humor ist lat. humor in der Bedeutung von Feuchtigkeit entlehnt

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