Schwerpunkt

Zentrum für alle Künste und ihr Publikum

Das Théâtre Massalia in Marseille

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Offenheit für alle Künstler und Sparten kennzeichnet die Arbeit des Théâtre Massalia als Teil des Kunst- und Kulturzentrums La Friche la Belle de Mai in Marseille. Neben der Begleitung der Künstler und der Recherche nach innovativen Formaten steht die Arbeit mit Multiplikatoren und den Kindern und Jugendlichen selbst im Mittelpunkt des Theaters, das an verschiedenen Orten im Viertel Belle de Mai aktiv ist, einem der ärmsten Viertel im gesamtfranzösischen Vergleich.

Das Kunst- und Kulturzentrum La Friche la Belle de Mai in Marseille. Fotos: Caroline Dutrey
Das Kunst- und Kulturzentrum La Friche la Belle de Mai in Marseille. Fotos: Caroline Dutrey

Ein Mann. Allein auf der Bühne. Mit dem Rücken zum Zuschauerraum. Ein Laptop mit Webcam. Und eine Leinwand, die als Spiegel funktioniert. Dort entdecken die winkenden Kinder im Publikum sich selbst und die Vorderseite des Darstellers. Die Bühne und ihre Ausstattung sind minimalistisch und Alessandro Sciarroni bewegt sich darauf als einzelner Performer. Das Publikum verfolgt den Kör- per des Tänzers auf der Bühne und leicht zeitversetzt und verfremdet auf der Leinwand. Wie in einem Spiegelkabinett faszinieren die grotesken verzerrenden Effekte der Kamera, die eine Begegnung mit dem Bekannten im Fremden möglich machen.

Im Rahmen des jährlichen Marseiller Festivals für zeitgenössischen Tanz Dansem (Danse contemporaine en Méditerranée) präsentiert das Théâtre Massalia „Joseph_Kids“ des italienischen Tänzers und Choreographen, eine Weiterentwicklung seines tänzerischer Selbstportraits von 2011. Diese Koproduktion ist Beispiel der Arbeitsweise und der Schwerpunktsetzung des Kinder- und Jugendtheaters. In der Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen und internationalen Künstlern thematisiert Massalia Interaktionsmöglichkeiten von Jugendlichen und digitalen Medien.

Als Kollektivprojekt verschiedener Künstler und Disziplinen begonnen

„Diese Arbeit soll den Kindern zeigen, dass man mit der Technik spielen und Dinge erschaffen kann, ohne sich zu entfremden“ sagt Sciarroni. Dabei funktioniert das Stück für ein Publikum jeden Alters. Und es ist eigentlich egal, ob man lustig findet, wie sich der Performer vor und mit der Webcam verhält oder ob man in die Einsamkeit des Individuums eintaucht, das in der eigenen Spiegelung ein Gegenüber sucht.

Das Théâtre Massalia wird 1987 gegründet und im Zentrum steht damals vor allem die Arbeit mit Marionetten. Es ist zu dieser Zeit das einzige Marionettentheater mit einem festen Spielort in Frankreich. Als dem damaligen künstlerischen Leiter, Philippe Foulquié, 1992 die alte Tabakfabrik nördlich des Bahnhofs St. Charles in Marseille angeboten wird, gewinnt das Projekt an Stabilität und Offenheit. Die Brache („la Friche“) entwickelt sich zu einem Kollektivprojekt verschiedenster Künstler und Disziplinen, wobei das Marionettentheater bis Anfang der 2000er im Zentrum steht. „Die Marionetten sprachen vor allem ein junges Publikum an, ohne zu traditionell zu sein“ sagt Emilie Robert, die heutige Leiterin des Theaters. Gleichzeitig manifestierte es damit die künstlerische Maxime, die bis heute charakteristisch ist: Pluridisziplinarität und Offenheit, was traditionelle Zuschreibungen von Künstlern, Sparten und den dazugehörigen Publika betrifft. So sind derzeit die Marionetten denn nur noch eine Disziplin unter vielen. Tanz, Zirkus und andere Formate assoziieren Künstler verschiedenster Disziplinen und sprechen Zuschauer aller Alters- und heterogener sozialer Gruppen an.

Das Kunst- und Kulturzentrum La Friche la Belle de Mai in Marseille. Fotos: Caroline Dutrey
Das Kunst- und Kulturzentrum La Friche la Belle de Mai in Marseille. Fotos: Caroline Dutrey

Das Publikum Sciarronis verfolgt nach dem Dialog zwischen Performer und seinem eigenen Bild, wie er Kontakt zu einer anderen Person über Skype aufnimmt. Die Tänzer verwandeln sich bald in Batman und Robin auf der einen und der anderen Seite des Bildschirms und begegnen sich in einem melancholisch-tänzerischen Pas de deux im dritten Raum des Bildschirms. Sciarroni reflektiert die Repräsentation des Selbst und des eigenen Körpers über das in der übermedialisierten Welt heute allgegenwärtige Medium der Webcam. Ob für Kommunikation, Inszenierung oder Information spielen wir als Nutzer moderner Medien bereits in jungem Alter mit digitalen Repräsentationsformen des Selbst. Sciarroni will vor allem den jungen Zuschauern und „potentiellen Performern“ zeigen, welche poetischen Möglichkeiten diese bieten.

Begleitung der Künstler und des Publikums

Im Zentrum der Arbeit des Théâtre Massalia steht heute die Beglei- tung der Künstler, über die bloße Bereitstellung finanzieller Mittel hinaus. Zudem widmet es sich gemeinsam mit anderen Strukturen in Marseille, die sich an ein junges Publikum wenden, der Recherche nach innovativen Formaten. Ein dritter Schwerpunkt ist die Bereitstellung von Dokumenten und Material zu einzelnen Künstlern oder Stücken für Lehrer, Professionelle, Eltern und Sozialarbeiter. Regelmäßig werden dafür Workshops, Lesekomitees oder Künstlergespräche organisiert. Die Idee ist, dass diese Gruppen als Multiplikatoren funktionieren und in einem nächsten Schritt Kinder und Jugendliche ins Theater mitbringen. Massalia verfügt dabei weder über einen festen Spielort noch eine feste Truppe. Typisch für die französische Theaterlandschaft werden, anders als an deutschen Stadt- und Landesbühnen, Schauspieler jeweils für die einzelnen Produktionen angestellt. Allerdings, meint Leiterin Robert, wird zunehmend weniger Geld für eigene Produktionen ausgegeben.

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