Zwischenruf

Was ist Forschritt im Theater?

Eine Frage der Kommunikation

von

Mitkas, ein ungarischer Jugendlicher, Teilnehmer der Free School von Arpad Schillings Produktionsstätte Kretakör in Budapest, eröffnete seinen Redebeitrag bei einer internationalen Konferenz in Wien zum Thema Macht, Peripherie und Kulturpolitik wie folgt: Er ist es leid, zu hören, dass sie, die jungen Menschen, die Zukunft seien. Er ist die Gegenwart, und er hat etwas zu sagen. Jetzt schon.

„Konferenz der wesentlichen Dinge“ vom Theaterkollektiv pulk fiktion. Foto Julius Matuschik
Die Programmreihe „No Education“ bei der Ruhrtriennale. Foto Stephan Glagla

Mitkas hat Recht: Sprache und Kommunikation sind Mittel der Machtausübung. Schon in der Art wie wir jemanden ansprechen, weisen wir ihm einen Platz in der gesellschaftlichen Ordnung zu. Mit dem Verweis auf die Wichtigkeit der Jugend in der Zukunft halten wir ihnen gleichzeitig ihre aktuelle Machtlosigkeit vor. Mit Sprache schaffen wir Fakten und bringen eine Haltung zum Ausdruck.

Für mich bedeutet Fortschritt im Theater, damit zu beginnen, dieses „Jetzt schon“, das Mitkas einfordert, zu ermöglichen. Wichtige Voraussetzung dafür ist die Kommunikation mit den Jugendlichen, die Art der Ansprache und im Besonderen die Kommunikation über die Jugendlichen.

Die Stadt- und Staatstheater haben da einen ganz klaren Nachholbedarf. Sie kommunizieren letztlich fast gar nicht mit den jungen Menschen, die für sie eher in ihrer Funktion als Publikum der Zukunft interessant sind. Bis das soweit ist, kümmert sich in Deutschland die große und großartige Kinder- und Jugendtheaterszene, oft eine Sparte der großen Theater, um diese Zielgruppe.

Doch auch hier, in den Institutionen der Kinder- und Jugendkultur, im Bereich der kulturellen Bildung, bei Stiftungen, die in diesem Bereich tätig sind, muss die Kommunikation auf den Prüfstand. Viele Projekte und Projektideen zielen auf die Zukunft der jungen Leute: Nicht nur in Stiftungsanträgen, in politischen Diskussionen, auch in öffentlich zugänglichen Projektbeschreibungen wird ein Fokus auf die Kompetenzen gelegt, die bei einer Projektteilnahme erworben werden sollen. Die Wirkungen, die die Projekte der kulturellen Bildung bei den Teilnehmern erzielen sollen, sind mindestens genauso wichtig wie die eigentliche künstlerische Arbeit und sie beziehen sich immer nur auf die jungen Teilnehmer.

Dass hier ein Wandel eingesetzt hat, ist unbestritten. Das hat u.a. eine Programmreihe wie „No Education“1 bei der Ruhrtriennale gezeigt, eine Veröffentlichung wie „Stop Teaching“2 mit diversen Beispielen aus der Praxis und es ist nachzulesen in der Schrift des Rates für Kulturelle Bildung, der festgestellt hat: „Insgesamt zeigt die Forschung zu den Transfereffekten Kultureller Bildung im Blick auf personell-individuelle Kompetenzen, dass die Hoffnungen auf sehr weitreichende Transfereffekte wohl verfehlt sind …“3

Doch in der Kommunikation nach außen wird in großen Teilen immer noch mit diesen Wirkungen gearbeitet, und kaum ein Stiftungsantrag wird ohne Nennung der sogenannten Transfereffekte geschrieben bzw. bewilligt.

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