« Anmelden

Titelcover

Heft 02/1947
Nachwuchssorgen

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


KEIN PORTO innerhalb Deutschlands

VERFÜGBARKEIT: Dieser Artikel ist vergriffen

« eMAGAZIN (PDF)

eMagazin

in den Warenkorb € 6,00

Verfügbarkeit: Die elektronische Ausgabe steht nach dem Kauf sofort als Download zur Verfügung

Nachwuchssorgen

Man soll sich die Sache nicht allzu leicht machen. Allzu leicht ist es nämlich, die Schuld an allem, was uns nicht gefällt, auf die verflossene Nazimißwirtschaft zu schieben. Sehr oft ist das nur die bequeme Ausrede, um eigene Versäumnisse und Fehler nicht zugeben zu müssen, die Hände mit der Begründung, es sei doch alles hoffnungsfos verfahren, in den Schoß zu legen und abzuwarten, ob nicht von irgendwoher, möglichst "von oben", helfend eingegriffen wird. Bald sind es "die zuständigen Behörden", bald die Alliierten, und manchmal auch ist es - schon wieder - eine "starke Persönlichkeit", auf deren "Eingreifen" gewartet wird. Vergeblich!

Wir sind glücklicherweise über den Verdacht erhaben, den braunen Botokuden auch nur ein Gran ihrer unermeßlichen Schuld an der Zerstörung unserer Kultur schenken zu wollen. Deshalb dürfen wir unbefangen erklären: wir können auch nicht einfach dort anknüpfen, wo wir 1933 stehengeblieben waren. Die vielfältigen Ursachen dessen, was heute offenkundig immer noch morsch und schwach ist in unserm kulturellen Leben, reichen weiter zurück. Sie reichen so weit zurück, wie die Wurzeln des deutschen Faschismus zurückreichen. So verstanden ist allerdings der Nazismus "an allem schuld"; er hat das, was an Verderbnis im Keim oder schon im Ansatz vorhanden war, mit allen Mitteln gefördert und schließlich geil aufwuchern lassen. Deshalb stehen wir heute vor Ruinen, materiellen und geistigen.

Kaum hat der Neubau begonnen. Wie aber soll man erfolgreich neu bauen ohne junge Kräfte, ohne Nachwuchs?

Die Klagen aus allen Teilen Deutschlands sind die gleichen. Es gibt keine wagemutigen Theaterleiter. Es gibt keine der Zukunft aufgeschlossenen Dramaturgen. Es gibt keine experimentierfreudigen Regisseure. Es gibt keine Darsteller neuen Typs. Es gibt keine Dramatiker künstlerischen Neulands. So lauten die Klagen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bei Licht besehen sind noch die Kühnsten jene, die in den künstlerischen Sturm- und Drangzeiten nach dem vorigen Weltkriege jung, rebellisch und zum Teil revolutionär waren. Sie sind heute hohe Vierziger und junge Fünfziger; aber sie stehen wieder mutig voran. Die heutige Jugend erscheint ihnen gegenüber in dem Maße schwächlich und vergreist, in dem ihr Anteil am Kampf für ein von Nazizwang freies Deutschland schwächlich war oder ganz fehlte. Und leider muß hinzugefügt werden: heute noch fehlt.

So erklärt es sich beispielsweise, daß aus dem Rebellieren und Revoltieren der Kunstschaffenden gegen den wilhelminischen Imperialismus und seine Überreste von 1918 - also aus einem unbewußt oder bewußt politisch gesehenen Inhalt - formal ein Expressionismus von oft ekstatischer Intensität, eine neue Kunstfofm von außerordentlicher Durchschlagskraft nicht nur entstehen konnte, sondern auch tatsächlich durchschlug. Heute jedoch, da die dumpfe Unzufriedenheit der Jugend sich eines konkreten Inhalts noch nicht bewußt ist, ja oft sogar gefühlsmäßig, stark mystisch determiniert in eine rückläufige Richtung verschwimmt, muß logischerweise das formale Ergebnis etwas so armselig Schwaches, triebhaft Verworrenes sein wie der heutige nachgekitschte Spätexpressionismus und all das im Ausland unter ganz andern Voraussetzungen entstandene, von dort wahllos übernommene, meist auch noch mit umgekehrten Vorzeichen in unsere deutsche Misere projizierte Unverstandene, das man neuerdings dilettantisch anspruchsvoll (und überdies meist falsch) als "Surrealismus" zu etikettieren liebt. [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Nachwuchssorgen, S. 1

Dieses Heft empfehlen