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Titelcover

Heft 02/1948
Linien, Risse und Sprünge

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Linien, Risse und Sprünge

Dem Schreibenden ist heute ein beifälliges Kopfnicken des Lesers, dem Redner der Applaus seiner Zuhörer gewiß, wenn er äußert: "Wir können nicht dort anknüpfen, wo wir 1933 aufgehört haben." Dabei ist dieser Satz, einerlei ob er sich auf künstlerische oder andere Dinge bezieht, so falsch wie alle Halb- und Dreiviertelwahrheiten.

Lassen wir sogar ganz beiseite, daß die wenigsten Deutschen 1933 plötzlich mit allem Bishenigen "aufgehört" und etwas völlig "Neues" begonnen haben - die das konnten, waren chemisch reine Gesinnungslumpen -: auch die andern konnten nicht einfach "aufhören", denn das hieße, sie hätten an die Stelle des Bisherigen plötzlich ein Nichts gesetzt -, was es bekanntlich nicht gibt. Auch die Hitlerzeit war die Fortsetzung ganz bestimmter Traditionen.

Und mit dieser Feststellung ist das umrissen, was im eingangs erwähnten Ausspruch richtig ist: an jene Traditionen, die direkt oder indirekt zum Hitlerismus, in unserm Falle zur Kulturbarbarei des Nazismus führten, ist heute selbstverständlich nicht anzuknüpfen. Eine in dieser Abstraktion reichlich billige Feststellung.

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Hat es nicht bis 1933 auch wertvolle, fortschrittliche Entwicklungslinien gegeben, die gewaltsam abgerissen wurden?

Zweifelsohne.

Können diese Linien heute nicht weitergeführt werden?

Man sollte doch meinen: Ja.

Nur wäre zunächst einmal festzustellen, wo diese Linien verlaufen, woher sie gekommen sind und wohin sie wiesen. Das allerdings ist außerordentlich kompliziert und widerspruchsvoll. Es kostet einige Mühe. Man muß nicht nur Tatsachen kritisch studieren, sie wieder und wieder überprüfen, sondern auch über ihre Gesetzmäßigkeit nachdenken, um zu Schlußfolgerungen zu gelangen. Das "großzügige" Abtun alles dessen, was bis 1945 war, einschließlich aller progressiven Erscheinungen vor 1933, ist natürlich einfacher.

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Die gesamte menschliche Entwicklung, sowohl die des Einzelwesens wie die gesellschaftlicher Gruppen und ganzer gesellschaftlicher Formationen, vollzieht sich durchaus nicht, wie manche das gern möchten, in stetiger, aufwärts oder abwärts führender Linie, auch nicht in der oft behaupteten "Wellenlinie" mit den periodisch wiederkehrenden Höhen und Tälern: Sie ist überhaupt nicht  evolutionär, sondern nur streckenweise, dann aber erfolgen Risse, plötzliche Sprünge, Rückschläge und neue Sprünge, revolutionäres Umschlagen in tatsächlich Neues. Die Entwicklung der Menschheit, so lehrt ein aufmerksamer Blick in ihre Geschichte, erfolgt in dialektischer Widersprüchlichkeit.

Was für das Individuum wie für die Gesellschaft (und, wie der Naturwissenschaftler weiß auch für alle Gebiete der Natur) gilt, trifft selbstverständlich ebenso zu für alles Geistige und Künstlerische, das die Gesellschaft und in ihr die Einzelpersönlchkeit schafft.

Es wäre wirklich an der Zeit, daß sich unsere Kunstlheoretiker und Kritiker, statt formvollendete, aber unfundierte Feuilletons zu verfassen, ernsthaft und civilcouragiert mit diesen - keineswegs neuen Gedanken auseinandersetzten. Sonst reden wir immer weiter aneInander vorbei und drehen uns im Kreise. [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Linien, Risse und Sprünge, S. 1

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