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Titelcover

Heft 04/1948
Die Wahrheit des Schauspielers

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Die Wahrheit des Schauspielers

Wer unseren Aufsatz im März-Heft dieser Blätter (...) aufmerksam gelesen hat, der sich mit der Sprechtechnik und Körperbeherrschung des Schauspielers auseinandersetzte, wird bemerkt haben, daß wir das Problem nicht in der vielfach üblichen vereinfachenden Art behandelten, als sei die Lösung der darstellerischen Aufgaben schon gegeben, wenn die Beherrschung des Technischen gesichert ist. Wir machten vielmehr darauf aufmerksam, daß jede Technik, solange sie bewußt angewendet wird, das wesentliche Element der Erlebnisgestaltung, die schöpferische Phantasie einengt und damit die szenische Wahrheit behindert.

Bevor wir im folgenden über den Begriff der szenischen Wanrheit einige, wie wir glauben, notwendige Betrachtungen anstellen, möchten wir zuvor noch einen Augenblick bei der Funktion der Technik in der künstlerischen Gestaltung verweilen.

Es kann sich hierbei, wie wir meinen, nicht um etwas Primäres und Sekundäres handeln. Es ist eine fortwährende Wechselwirkung. Natürlich ist der banale Satz richtig: Beherrschung der Technik ist die Voraussetzung jeder Erlebnisgestaltung. Aber ebenso richtig ist ein anderer Satz: Mit der höchstvollendeten Technik kommt keine Erlebnisgestaltung zustande, wenn die Voraussetzung dieser Gestaltung fehlt - das Erlebnis selbst.

Nun weiß aber jeder künstlerisch Schaffende, daß die Produktion oder Reproduktion eines Erlebnisses ein Akt der Phantasie ist. Ohne diese Phantasie jetzt genauer in ihrem Wesen zu analysieren, können wir dennoch, ohne Widerspruch befürchten zu müssen, erklären, daß jede bewußte Tätigkeit, also jedes Denken, die freie Entfaltung der Phantasie von einem gewissen Moment an hemmt, wenn nicht auf die Dauer verhindert.

Aufs Schauspielerisohe übertragen: Wenn ich beispielsweise an den Wortlaut des Sprechtextes denken muß, geht sein Gefühlsinhalt verloren; ich "schwimme", werde verschwommen, gestaltlos. Gestaltlosigkeit aber ist das Gegenteil alles Künstlerischen, denn Kunst heißt Gestaltung. In der dramatischen Kunst kommt als komplizierender Faktor hinzu, daß der Sprechtext, um den ich mich, wenn er nicht so "festsitzt", daß ich ihn unterbewußt reproduzieren kann, nachdenkend mühen muß, ja gar nicht direkt gestaltbar, das heißt, durch mein Phantasieerlebnis lebendig zu machen ist. Ich muß vielmehr etwas gestalten, lebendig machen, was fast immer hinter dem Sprechtext verborgen liegt: den "Untertext" , wie ihn K. S. Stanislawski so treffend bezeichnet hat. Jeder Schauspieler weiß, daß dieser "Untertext", den es auf der Bühne gestaltend transparent zu machen gilt, etwas anderes als der Sprechtext, manchmal sogar dessen striktes Gegenteil aussagt. Wie aber sollte ich psychisch imstande sein, durch äußerste Phantasiebetätigung zur Gestaltung des im "Untertext" verborgenen Erlebnisses zu gelangen, wenn ich mir gleichzeitig angespannt denkend den verlorenen Wortlaut des Sprechtextes rekonstruieren muß? Das ist unmöglich. Ebenso verhält es sich, wenn ich, statt den "Untertext" eines dramatischen Werks gestaltend zu erleben, also statt einem schöpferischen Akt meiner Phantasie freien Lauf zu lassen, an das technisch einwandfreie Funktionieren von Zwerchfell, Lunge, Mundhöhle und Zunge bei der akustischen Wiedergabe des Sprechtextes oder an die optisch "richtige" Haltung und Bewegung meiner Arme, Hände oder Beine denken soll. [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Die Wahrheit des Schauspielers, S. 1

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