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Titelcover

Heft 09/1948
Die „Mutigen“

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Die „Mutigen“

Wenn in späteren Zeiten einmal ein Theaterwissenschaftler auf den Gedanken verfällt, die Pressekritiken (und was sich dafür ausgibt) der eben abgelaufenen Spielzeit durchzulesen, wird er ziemlich erstaunt sein über die gewaltigen Quantitäten von Mut, die angeblich erforderlich waren, um einen Spielplan durchzuführen, den die Verfasser eben dieser Kritiken in ihren Rückblicken und Abschlußbilanzen der Saison 1947/48 dann "wenig aufregend" oder "langweilig" und "als Ganzes betrachtet recht einförmig" oder "ohne eigentliche Höhepunkte" und "ziemlich konventionell" bezeichnen. Wahrhaftig, das taten sie! Mit den hier zitierten und andern ähnlichen Worten. Was ist da geschehen? Nun, etwas, das bei schlechten Journalisten oft vorkommt, bei Kunstrichtern aber nicht vorkommen dürfte: sie hatten offenbar am Ende der Saison vergessen, welche Weisheiten sie während der Saison von sich gegeben hatten.

Denn noch nie las man in deutschen Zeitungen so viel von mutigen Inszenierungen, von mutiger Stückwahl, von mutigen, ja kühnen Experimenten, sogar von mutigen Bühnenbildern und mutiger Darstellung. Man könnte geradezu glauben, es sei eine Epoche neuen deutschen revolutionären Theaters angebrochen, der ehedem sprichwörtlich gewesene Mangel an Zivilcourage sei über Nacht einer - seien wir bescheiden - demokratisch-humanistischen Gesinnung gewichen, die nunmehr auch in den Darbietungen der Theater ihren Ausdruck gegenüber einer aggressiven Opposition gefunden habe.

Doch bei näherm Zusehen entpuppt sich der vielgepriesene Mut als etwas ganz anderes: als gedankenloses Nachschwätzen eines Modewörtchens durch phantasiearme Schmöcke, die sich in die Spalte Kunstkritik verirrt haben, oder aber als Bezeichnung eines künstlerisch-kulturpolitischen Verhaltens, das so ziemlich das Gegenteil von Mut darstellt.

Wenn ein Intendant ein Stück spielen läßt, das er nicht besetzen kann, oder ein Regisseur ein fehlbesetztes Stück inszeniert und die Sache zwangläulig mißrät, so war das "immerhin ein mutiger Versuch, für den man dem Theater Dank wissen muß". Damit und mit ähnlichen Phrasen soll dann die bittere kritische Pille versüßt werden, die ganz zu Unrecht den Darstellern verabreicht wurde, statt daß der Kritiker, wie es seine Pflicht wäre, in solchem Falle die Darsteller gegen das Theater - also den unverständigen Intendanten beziehungsweise den wenig couragierten oder schlechten Regisseur - in Schutz nimmt, indem er gerade das, wofür er alberner Weise dankt, zum Kern einer scharfen Kritik macht. Denn hier liegt nicht Mut vor, sondern Unfähigkeit, Schlamperei oder Großmannssucht.

Wenn ein Regisseur, der fast ausschließlich mit Anfängern auf einer technisch unzulänglichen Bühne arbeitet, den - sagen wir beispielsweise - dramaturgischen Inhalt von Schillers "Don Carlos" einer formalen Spielerei opfert, die einige unfähige, snobistische Kritiker von der Erkenntnis ablenkt, daß die Mehrzahl der Mitwirkenden nicht imstande ist, ihrer Darstellung jene Form zu geben, die das Stück von innen her verlangt und die deshalb vom Regisseur in einen alles nivellierenden "Stil" (zugunsten zweier reifer Schauspieler) gepreßt wurde, dann schreiben gewisse Kritiker: "Ein mutiges Experiment, ein Wagnis, das gelang", und der Regisseur wird überdies gepriesen als verdienstvoller Nachwuchserzieher, statt, wie es Sache eines wirklichen Kritikers wäre, Schiller vor solcher Vergewaltigung in Schutz zu nehmen und die jungen Schauspieler darauf aufmerksam zu machen, daß und weshalb ihnen hier nicht genützt, sondern wahrscheinlich künstlerisch sehr geschadet wird. [...]

Aus Fritz Erpenbeck: Die „Mutigen“, S. 1

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