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Titelcover

Heft 06/1949
Raubbau am Schauspieler

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Raubbau am Schauspieler

Wer als Kritiker in die immerhin sehr verschiedenartigen Theater der Hauptstadt und der Länder kommt, macht eine Beobachtung, die wohl nur er in dieser häufigen Wiederkehr und Gleichartigkeit machen kann: Er entdeckt Kräfte, die vor ihm längst von Regisseuren und Intendanten hätten entdeckt werden müssen. Ja, noch betrüblicher: diese wertvollen Kräfte verschwinden dann gewöhnlich wieder unbeachtet, obwohl fast immer von mehreren Kritikern auf sie hingewiesen wurde.

So sieht man in der Aufführung eines Berliner Peripherietheaters einen - sagen war beispielsweise - ausgezeichneten Bonvivant. Man wundert sich, daß er, obwohl dieses "Fach" angeblich sehr selten ist und deshalb manches wertvolle Stück - so wird man von den Herr~n Dramaturgen belehrt - "einfach nicht zu besetzen" sei, noch keinem Leiter einer großen Bühne aufgefallen ist. Gewiß, man sieht an seinem Spiel, daß mit ihm noch gearbeitet, daß noch dies oder jenes abgeschliffen werden müßte. Aber, so denkt man, das sollte für einen Regisseur, der sich sonst mit Notbesetzungen, wenn nicht gar Fehlbesetzungen herumschlagen muß, eine Aufgabe, eine wahre Freude sein. Die Verwunderung schlägt jedoch in Staunen um, wenn man erfährt, daß besagter Schauspieler, der da an der Peripherie herumgastiert und vielleicht schon auf dem Wege des "Verschmierens " ist, seit einem Jahre, seit anderthalb Jahren oder gar länger zum Verband einer großen Bühne gehört! Daß er dort eine feste Gage bezieht und nur beurlaubt ist! Er war vielleicht dem Intendanten oder dessen Vorgänger oder einem Regisseur als Talent aufgefallen, irgendwo in Berlin oder in der "Provinz", er wurde engagiert. Dann war gerade "kein Stück für ihn" im Spielplan. Er wurde zu nervenaufreibendem Warten verurteilt. Er protestierte. Er bettelte schließlich um Beschäftigung. Und da erhielt er - eine kleine Rolle, die ihm nicht "lag". Unter dem Vorwand, man wolle ihn "ausprobieren". Vielleicht auch in ehrlicher Absicht, aber unwillig, zumindest gleichgültig. Natürlich ging die Sache schief. Der Regisseur quälte sich mit ihm herum, und der Intendant war überzeugt, ein Fehlengagement getätigt zu haben. Jetzt geniert er sich, es zuzugeben, und behält den Schauspieler "bis auf weiteres". Dieses "Weitere" sieht dann gewöhnlich so aus, daß der tatsächlich Begabte beim nächsten größeren Personalwechsel wieder irgendwo im Dunkel verschwindet, aber mit dem fragwürdigen Renommee belastet, in Berlin versagt zu haben. Entweder geht er deprimiert zurück an ein Provinztheater, oder er schlägt sich, immer noch die Hoffnung im Herzen, mit Synchronisieren oder kleinen Filmrollen durch.

Versuchen Sie bitte nicht zu erraten, um wen es sich handelt. Der Fall ist lediglich als Beispiel konstruiert. Aber leider in seinem Inhalt alles andere als eine Konstruktion. Übrigens werden Sie ihn ja selbst leicht auf einige Ihnen bekannte Fälle hin konkretisieren können. [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Raubbau am Schauspieler, S. 1

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