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Titelcover

Heft 07/1949
Keine neuen Stücke?
Zur Spielplangestaltung

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Keine neuen Stücke?

Zur Spielplangestaltung

Eine Tatsache, die sich nicht leugnen läßt: Niemand ist recht zufrieden mit der Spielplangestaltung unserer Schauspielbühnen. Es fehlt jener Teil der Zeitverbundenheit, der in der Uraufführung von Gegenwartsstücken zum Ausdruck und zur Wirkung kommen müßte.

Wir wollen uns die Sache nicht so vereinfachen und den Theaterleitern oder ihren Dramaturgen die Alleinschuld geben. Das geschieht oft und geschieht immer wieder, ohne daß damit etwas erreicht würde. Die besten unter ihnen sind ja selbst mit dem augenblicklichen Zustand unzufrieden. Das wollen wir nicht verkennen. Auch ihre Argumente sind nicht einfach mit einer Handbewegung und noch weniger mit gutgemeinten, weltanschaulich begründeten Forderungen abzutun. Es ist überhaupt sinnlos, die ganze Fragestellung auf Theaterleitung (einschließlich Dramaturgie) und dramaturgisches Schaffen zu reduzieren. Denn der Fragenkomplex ist viel größer. Also muß er in selinem ganzen Umfang untersucht werden. Er umfaßt in unserm Falle: das Theater, die Dramatiker, das Publikum. Wobei wir den Begriff "Publikum" mit all seinen wirtschafllichen, weltanschaulichen und gefühlsmäßig-traditionellen Bedingtheiten fassen.

Ich glaube, man muß zunächst einen Zweifel, den man immer wieder hört, durch rücksichtsloses Feststellen einer Tatsache aus der Welt schaffen. Werden wirklich keine wertvollen Gegenwartsstücke geschrieben und angeboten, oder sind die Theaterleiter und ihre dramaturgischen Büros nur unfähig, wertvolle Gegenwartsdramatik zu erkennen? Fehlt ihnen der Mut, sie aufzuführen? Darauf ist klipp und klar zu antworten: Nein, es werden keine wertvollen Zeitstücke geschrieben und angeboten! Was geschrieben und angeboten wird, ist - abgesehen von verschwindenden Ausnahmen - schwach und äußerst fehlerhaft, selbst dort, wo das dramaturgische Talent oft unverkennbar hervortritt.

Statt also länger an die Mär vom verkannten und abgewiesenen großen Dramatiker zu glauben und sinnlos zu hoffen, daß eben doch eines Tages irgendwo ein deutscher Shakespeare aus dem Nichts emporschießt, um uns alle zu überraschen, sollte man lieber den Ursachen auf den Grund gehen, um sie zu beheben.

Idealisten, die zudem keine Ahnung von Geschichte und Kunstgeschichte haben oder aus ihr keine Folgerungen zu ziehen geneigt sind, stellen sich den Antrieb zu literarischer Produktion - obwohl sie gewöhnlich schrecklich komplizierte und "geheimnisvolle" kunstästhetische Theoreme verzapfen - bei Licht besehen sehr primitiv vor. Dichter zu sein ist für sie eine Gabe (Gottes, der Musen oder der Natur). Dem einen Dichter ist ein lyrisches, dem andern ein episches und wenigen ein dramafurgisches Talent "gegeben" oder auch "angeboren". Dieses Talent ist, so meinen sie, die primäre Triebkraft der Gestaltung. Der wahre Künstler "muß" gestalten, aus innerem Zwang, und "das wahre Talent setzt sich durch gegen alle Widerstände". So einfach ist die Sache - in den Augen philosophischer Idealisten.

Aber vielleicht denkt man einmal nach, warum sich ein Talent, nein, ein Genie wie Heinrich von Kleist dennoch nicht durchsetzen konnte. Oder warum es in der Kunstgeschichte Epochen großer lyrik und Epik ganz ohne gleichzeitige Dramatik von Belang gab. Und umgekehrt Zeiten großer Dramatik ohne nennenswerte Epik. Und weiter, warum in besonders glücklichen Kunstepochen wie etwa der Renaissance alle Literaturgattungen (und dazu alle übrigen Künste) in Hochblüte standen? Und warum schließich zu gewissen Zeiten die Situation in den meisten Kulturländern ziemlich gleichartig, zu andern aber grundverschieden war? [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Keine neuen Stücke? Einige Gedanken zur Spielplangestaltung, S. 1

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