« Anmelden

Titelcover

Heft 08/1949
Freundschaft

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


KEIN PORTO innerhalb Deutschlands

VERFÜGBARKEIT: Dieser Artikel ist vergriffen

« eMAGAZIN (PDF)

eMagazin

in den Warenkorb € 6,00

Verfügbarkeit: Die elektronische Ausgabe steht nach dem Kauf sofort als Download zur Verfügung

Freundschaft

In Berlin wurde eine Organisation umbenannt: die "Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion" beschloß auf ihrer zweiten Jahrestagung, sich künftig "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" zu nennen.

Ist dieses Ereignis so bedeutungsvoll, daß es an die Spitze eines Leitaufsatzes in einer Zeitschrift gehört, die sich neben der Musik und dem Film hauptsächlich mit dem Theater beschäftigt? Ja, ist eine solche Umbenennung überhaupt mehr als eine Formalität?

Wir werden es erkennen, wenn wir uns mit der Praxis befassen.

In den zwanziger Jahren noch galt es als ausgemachte Tatsache, daß die deutsche Theaterkunst zur besten der Welt gehöre. Die deutsche, französische und russische Bühnenkunst stritten, einander befruchtend, um den Vorrang. Erst in weitem Abstand wurden die Bühnen anderer länder genannt, und beispielsweise zwischen dem englischen und amerikanischen Theater bestand abermals ein außerordentlicher Unterschied des Niveaus.

Natürlich sind diese Feststellungen nur im allgemeinen gesehen richtig. Sie beziehen und bezogen sich schon damals nicht auf besondere Einzelerscheinungen. Wir können uns hier auch nicht mit einer kulturgeschichtlichen Analyse der Ursachen beschäftigen, ohne allzu breit zu werden; denn Kulturgeschichte ist und war stets nur ein Teil der Geschichte überhaupt; sie zeitigt objektiv gültige Resultate nur, wenn sie alle gesellschaftlich-politischen und damit auch geistesgesellschaftlichen Faktoren in ihren Zusammenhängen und Widersprüchen in ihre Untersuchungen einbezieht.

Begnügen wir uns hie'r also mit der allgemein gehaltenen Feststellung der (übrigens kaum ernsthaft bestrittenen) Tatsachen. Sie waren ja noch bis in den Anfang der dreißiger Jahre deutlich ablesbar aus französischen und sowjetischen Ensemble-Gastspielen in der deutschen Hauptstadt. Wir sagen ausdrücklich: sowjetischen. Nicht etwa, weil sich unter den gastierenden Ensembles auch nichtrussische - wie etwa das des Akademischen Jüdischen Theaters - befanden, sondern weil ihre wesentliche Eigenart gerade darin bestand (und heute mehr denn je darin besteht), in der Form national und im Inhalt sozialistisch zu sein. Wobei Inhalt selbstverständlich nicht mit Thematik zu verwechseln ist, sondern - wie in jedem Kunstwerk - den weltanschaulichen Standort bezeichnet, von dem aus das Werk gesehen und gestaltet wurde. Und die Geslaltungsmethode der sowjetischen Kunst ist nicht russisch, weißrussisch, ukrainisch, georgisch, tatarisch, usbekisch, jüdisch, zigeunerisch, lettisch, aserbaidshanisch, sondern - sozialistisch-realistisch. Sie führt also nicht zu einer starren Form, sondern zu einer ungewöhnlichen Vielfalt insbesondere nationaler Formen. Sie engt die künstlerische Gestaltung nicht ein, sondern befreit sie. Wir können also in unserm Zusammenhang nicht von russischem, sondern müssen von sowjetischem Theater sprechen. Obwohl gerade die russische Bühne mit ihrer künstlerisch und weltanschaulich fortschrittlichen Tradition - man denke nur an Stanislawski - alle andern nationaien Theater des landes, insbesondere die in der dramatischen Kunst ganz und gar traditionslosen, heute erst wenige Jahrzehnte alten Bühnen der islamitischen und einiger anderer unter dem Zarismus national unterdrückt gewesenen Nationen und Nationalitäten stark befruchtet hat. [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Freundschaft, S. 1

Dieses Heft empfehlen