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Titelcover

Heft 10/1949
Der Blick hinter die Kulissen

Broschur mit 40 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Der Blick hinter die Kulissen

Wenn wir vor etwa zwanzig Jahren in einer 'Faust'-Aufführung die Stimme des Herrn oder des Erdgeists in einer Laufsprecherübertragung hätten hören können, wären wir wahrscheinlich tief beeindruckt gewesen. Heute ist das Gegenteil der Fall. Es geht uns wie jenem lüsfernen Mädchen in dem zwar boshaften, aber doppelsinnig treffenden Witz, das vor einer Männerstatue von Arno Breker enttäuscht sagt: "Nein, das ist nicht monumental, das ist nur vergrößert." Wir hören nämlich keine monumentale, übermenschliche Stimme, sondern das sehr menschliche Organ des aus vielen Rollen bekannten Schauspielers X oder Y. Wir hören es vergrößert, vergröbert. Wir kennen zu gut die Technik der Übertragung; unsere Phantasie wird geradezu angereizt, uns den Sprecher mit dem Buch in der Hand im Zivilanzug vor einem Mikrophon vorzustellen.

Ein anderes Beispiel. Zu Shakespeares Zeiten wäre zweifelsohne eine unheimliche Wirkung zu erzielen gewesen, wenn man in 'Macbeth' den Geist Banquos - in farbiger Projektion mittels einer Laterna magica hätte erscheinen lassen können. Heute ist das ein Effekt aus der Jahrmarktbude; jedes Kind durchschaut - und ist stolz darauf, es zu durchschauen -, "wie es gemacht wird".

Die Folgerung: Ungewöhnliche Technik, die als Technik erkannt wird, tötet die künstlerische Wirkung. Wobei unter "ungewöhnlicher" Technik hier solche verstanden werden soll, die noch nicht zur Konvention geworden ist.

Mit Recht beanstandete deshalb die Kritik in vielen Städten die Verwendung der Lautsprecherübertragung im 'Faust'. Unkluge warfen der Kritik daraufhin Rückständigkeit, unberechtigten Konservatismus vor. Wir lebten nun einmal im Zeitalter der Technik, argumentierten sie, in einem Zeitalter der Wissenschaft. Es sei höchste Zeit, daß das Theater den "Sprung aus der Utopie in die Wissenschaft" wage.

Wo liegt da der Trugschluß? In der Verkennung einer höchst einfachen Tatsache: daß nämlich die Wissenschaft der Kunst die Ästhetik ist, nicht der Maschinenbau oder sonst eine andere. Es kommt also, will man wirklich wissenschaftlich vorgehen, darauf an, alle Zweige der Wissenschaft - Maschinenbau, Architektur, Optik, Akustik, Psychologie, Soziologie, Geschichte und vielleicht noch einige - in die Gesetzmäßigkeit einer heute geltungberechtigten Ästhetik einzuordnen. Die wissenschaftliche Ästhetik von heute gilt es materialistisch-dialektisch zu erarbeiten. Für die Bühne wie für alle andern Künste. Unbeschadet aller technisch-wissenschaftlichen Errungenschaffen, die gleichzeitig der Bühne praktisch dienstbar zu machen sind.

In der ausgezeichneten 'Faust'-Inszenierung des Deutschen Theaters verwendete Wolfgang Langhoff als Regisseur eine Bühnenmusik von Paul Dessau; er ließ sie (von Oskar Sala) auf dem Trautonium, einem neuartigen elektro-akustischen Instrument spielen. Die Wirkung war außergewöhnlich stark. Es war eine durchaus künstlerische Wirkung, kein technischer "Effekt". Das Publikum war erschüttert, ergriffen, es schauderte, zuckte an Höhepunkten getroffen zusammen. Die Kritik war sich einig, daß hier eine ideale Lösung gefunden war, die vor allem auch für eine Inszenierung des zweiten Teils ganz neue Perspektiven eröffnet. [...].

Aus Fritz Erpenbeck: Der Blick hinter die Kulissen. Einiges über Bühnentechnik und technische Apparatur, S. 1

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