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Titelcover

Heft 09/1950
Der mißverstandene Tschechow

Broschur mit 32 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Der mißverstandene Tschechow

Anton Pawlowitsch Tschechow gehört zu den russischen Autoren, die im Westen von jeher anstandslos anerkannt waren. Sein Erscheinen fiel noch in die Welle der entzückten Begeisterung, mit der das westliche Ausland die großen russischen Meister des vergangenen Jahrhunderts aufgenommen hat. Zwar galt die Anerkennung, die Tschechow gezollt wurde, vornehmlich dem Novellisten, zum nicht geringen Teil war jedoch auch der Dramatiker daran beteiligt.

Ein zeitgenössischer Kritiker (...) schloß 1904 eine zusammenfassende Würdigung der Tschechowschen Dramen 'Die Möwe' und 'Drei Schwestern' mit folgenden Worten: "Wir sind neugierig, was ihnen folgen wird. Möglich, daß der russische Boden das neue Drama hervorbringen wird, das, anstatt zu zerstören, aufbaut." Dabei reiht dieser Kritiker Tschechows Werke keineswegs zwischen die "aufbauenden" Dramen, sondern will, gerade im Gegenteil, ihnen eine "Funktion der Zerstörung der Ideale" unterstellen. Und ohne Zweifel ist es nur Neugier, die seine Aufmerksamkeit auf das aufbauende - und möglicherweise aus Rußland kommende - Drama lenkt. Indem er den "destruierenden" Tschechow lobpreist, verrät er, wie sehr ihn seine Sympathien zu der Destruktion hinziehen. "Man erstarrt vor Kälte", schreibt er weiter, "wenn man in die traurige, bleiche Welt dieser Dramen tritt. Sie legen sich aufs Gemüt wie der nieselnde Novemberregen, der langsam, unmerklich in die Gelenke, in das Gehirn dringt ..." Selbst noch 1920, trotz der Lehren des ersten Weltkriegs, schreibt ein Gewährsmann dieser Zeit der durcheinanderschwirrenden "ismen": "Was Tschechow auszusagen hat, ist nicht eigentlich dramatisch. Den Kampfschauplatz, der zwischen Mensch und Mensch liegen sollte, verlegt er zwischen den Menschen und die 'Welt'. ... Seine Personen fechten alle mit dem Leben, und jede von ihnen hat eine eigene Wunde, was bewirkt, daß sie alle für sich allein stehen und nach innen gekehrt sind. Eigene Fäden verbinden einen jeden mit seinem Schicksal, und kein anderer hat damit etwas zu tun ... Vom Kampf des Menschen mit dem 'Leben', der 'Welt' stellt Tschechow nur die Todeserschöpfung des Menschen dar ... Was bei dem Dramatiker Tschechow neu ist, ist nur ein neuer Typ, der Typ des einstmals begabten, intelligenten, in seinem Kampf aber mürbe und resigniert gewordenen Menschen, der vom 'Leben', von der 'Welt' besiegt wurde." [...].

Aus Julius Hay: Der mißverstandene Tschechow, S. 1

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