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Titelcover

Heft 10/1950
Die Gesellschaft in Tschechows Dramen

Broschur mit 32 Seiten
Format: 210 x 290 mm

ISSN 0040-5418


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Die Gesellschaft in Tschechows Dramen

Was bei der Betrachtung der "Welt" und des "Lebens" - um die Worte der zeitgenössischen Kritik zu gebrauchen -, wie sie sich in Tschechows Dramen spiegeln, als erstes auffällt, ist die sehr ausgeprägte wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft, während sie bei den westeuropäischen Dichtern der Zeit formlos und undurchsichtig ist.

Man denke an Professor Sserebrjakows Rede bei der Familienberatung in 'Onkel Wanja'. Obwohl er von sich behauptet, als ein "Bücherwurm" nur wenig von derartigem zu verstehen, weiß er doch, daß das Gut nur zwei Prozent abwirft, während die Wertpapiere, die er vom Verkaufserlös des Gutes kaufen könnte, vier bis fünf brächten. Also die Bodenrente ist zurückgegangen, Dividenden und Zinsen haben sich erhöht. Ein charakteristisches Symptom des Übergangs zum Kapitalismus.

Sserebrjakow will in der hemmungslosen Selbstsucht seiner parasitären Existenz das Gut verkaufen. Damit würde er bis auf seine Frau die ganze Hausgemeinschaft zugrunde richten: Onkel Wanja, Ssonja, Maman, Marina, Telegin. Sie alle sind mit ihrer Existenz untrennbar an das Gut, das heißt an die vorkapitalistische Lebensform gebunden. Der Professor hat es durchaus nicht im Sinn, diesen Menschen Böses anzutun; Wanjas Aufbegehren, Ssonjas Verzweiflung bleiben ihm sogar unverständlich. Er will nur die Konsequenzen aus seiner Lage ziehen, die ohne seinen Willen entstanden ist. Hier liegt also kein Gegenüberstehen von Mensch zu Mensch in dem Sinne vor wie beispielsweise in Shakespeares Dramen, wo der eine unmittelbar wegnehmen will, was dem anderen gehört, sei es lehngut oder das Leben. Jeder Mensch ist, wie ein zeitgenössischer Kritiker sagt, "mit je einem besonderen Faden an sein Schicksal gebunden". Allein dieses "Schicksal" ist nichts anderes als das kapitalistische Wirtschaftssystem. Durch dieses System wirken die Menschen aufeinander ein, mindestens so grausam und mörderisch, als fielen sie mit gezückten Schwertern übereinander her. Dieser mittelbare, durch das dazwischengeschaltete Medium der kapitalistischen Gesellschaft - des "Lebens", der "Welt" - hervorgerufene Konflikt zwischen Mensch und Mensch löst mitunter unmittelbare, sich in der Klarheit des Bewußtseinsentladende Zusammenstöße aus. Wir sehen diese in 'Onkel Wanja' zu einer Schießerei, in 'Die Möwe' zu einem mißglückten und einem geglückten Selbstmord entarten. Aber diese Konflikte sind mit dem durch den Kapitalismus bedingten Zusammenprall der Interessen nicht identisch, mögen sie mit diesen noch so eng zusammenhängen. Auf diese Weise spielt sich der dramatische Kampf auf zwei Ebenen ab. Auf einer tieferen, objektiven Ebene: die Menschen leben nebeneinander dahin, ohne sich der tiefen Interessengegenätze, die der Kapitalismus zwischen sie hineingeschoben hat, bewußt zu sein. Und auf einer oberflächlicheren, subjektiven Ebene, wo die objektiven Gegensätze wohl zuweilen durchbrechen, aber deformiert, trügerisch motiviert sind, ohne wirklich in das Bewußtsein eingedrungen zu sein. Diese Doppelschichtigkeit, diese Trennung des wirtschaftlichen Unterbaus und des psychologischen Überbaus, die aber dennoch eine dialektische Einheit bleiben, ist ein Novum in der Geschichte
des Dramas. Sie hatte vor dem Kapitalismus keinen Grund zu entstehen. Zur Zeit des Kapitalismus konnte sie aber im Westen nicht zustandekommen. [...].

Aus Julius Hay: Die Gesellschaft in Tschechows Dramen, S. 1

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