Heft 09/1952
Warum immer wieder die gleichen Fehler?
Zur Situation unserer Nachwuchsdramatik
Broschur mit 40 Seiten
Format: 160 x 230 mm
ISSN 0040-5418
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Warum immer wieder die gleichen Fehler?
Zur Situation unserer Nachwuchsdramatik
Bei einer Konferenz der ungarischen Bühnenschaffenden, auf der Volksbildungsminister Révai eine ebenso kluge wie sachkundige Zusammenfassung gab, war eine Diskussion entbrannt, deren Feuer der Minister humorvoll mit der Frage löschte, ob bei der Aufzucht von Hühnern der Henne oder dem Ei das Primat zuzusprechen sei. Die Diskussion war nämlich um die Frage gegangen, was bei der Entwicklung neuer Dramatik wichtiger sei: die Fabel oder die Charaktere.
Als ich das ins Deutsche übertragene Stenogramm las, wurde mir, ich will's gestehen, ein bißchen wehmütig ums Herz. Warum? Weil ich sogleich daran denken mußte, daß von etwa zehn Stücken deutscher Nachwuchsdramatiker bestenfalls eines nur eine blasse Andeutung entweder einer Fabel oder einiger Charaktere aufweist. Und das ist dann meist noch Zufall. Obwohl es eigentlich jedem, der ein dramatisches Werk schreiben will, von vornherein klar sein müßte, daß einem Drama ohne Fabel - Gerippe, Sehnen und Muskeln, ohne Charaktere - Nerven, Fleisch und Blut fehlen. Dafür leiden diese dramatischen Erstlinge - um bei unserem etwas gewagten Vergleich zu bleiben - an einer Hypertrophie des Gehirns: sie bestehen zumeist fast ganz aus schlecht verpackter Ideologie.
Doch ohne Vergleich gesprochen: gewöhnlich haben wir es mit einer dialogisierten Bilderfolge von sehr zufälliger Länge zu tun. Denn der Inhalt der Bilderfolge wie auch der einzelnen Bilder wird nicht von einem dramatischen Handlungsablauf - eben der Fabel - bestimmt, sondern von einer, oft sogar einem Dutzend politischer Thesen, deren Richtigkeit der Autor uns "beweisen" will. [...].
Aus Fritz Erpenbeck: Warum immer wieder die gleichen Fehler? Zur Situation unserer Nachwuchsdramatik, S. 3
Beilage: Mitteilungsblatt der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehörigen, 4 Seiten

