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Titelcover

Heft 03/1953
Zur Frage des Typischen im Drama

Broschur mit 64 Seiten
Format: 170 x 240 mm

ISSN 0040-5418


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Zur Frage des Typischen im Drama

Die Menschen im Drama handeln bekanntlich nicht nebeneinander, sondern füreinander oder gegeneinander. Die Handlung entwickelt sich aus den widerspruchsvollen Positionen verschiedener Charaktere, aus den kampfreichen Wechselwirkungen menschlicher Gedanken und Leidenschaften. Das Drama läßt uns direkt und kommentarlos an der Auseinandersetzung des "Gestern" mit dem "Morgen" teilnehmen. Es ist in reinerer Form dialektisch (...) als die lyrischen oder epischen Gattungen.

In unserer jungen zeitgenössischen Dramatik ist dieser Kampf des Alten mit dem Neuen in der Regel nicht eigentlich fesselnd. Der Lesende oder Schauende sieht von langer Hand, wie dieser Kampf ausgehen muß. Die Konflikte und die Gestalten sind häufig schematisch und allgemein bekannt. Sie folgen nicht zwangsläufig aus der Handlung und den Charakteren, sie wirken konstruiert und entsprechen nicht dem Konfliktreichtum im Leben des Zuschauers. Das heißt also, unsere Dramatiker befinden sich in der Regel noch nicht einmal auf der Höhe der Konflikte unseres Alltagslebens. Für das Drama aber genügt diese Konflikthöhe nicht. Der Dramatiker muß die äußersten Konfliktmöglichkeiten unseres Lebens entdecken. Um die allgemeinen Probleme unserer Wirklichkeit aufzudecken, müssen in dem Zusammenstoß handelnder Charaktere auf der Bühne viele Alltagszusammenstöße konzentriert und ihrer verwirrenden Zufälligkeit entkleidet sein. Das ist in unseren Stücken auch ansatzweise nur selten zu bemerken, aber es hat wenig Sinn, über diese Schwächen unserer Dramatik zu jammern und tatenlos zu warten. Die Fehler unserer Dramatik werden nur überwunden, wenn man die Stücke unserer Dramatiker spielt und anschließend klug und tiefgreifend kritisiert.

Natürlich erklären sich die Fehler unserer Dramatiker zu einem Teil aus ihrem Leben. Es ist eine a.lte Wahrheit, daß jeder Fehler, jede Unwahrheit, jede faule Stelle in einem literarischen Werk einer Schwäche, einer Unwahrheit, einer faulen Stelle in der Weltanschauung und damit im Leben .des Schriftstellers entspringen. Buffon meinte das, als er sagte: Le style c'est l'homme, und Lukács bewies in seiner Arbeit über den sozialistischen Realismus diesen Zusammenhang zwischen Literatur und Leben des Schriftstellers in unserer Zeit. [...].

Aus Heinar Kipphardt: Zur Frage des Typischen im Drama, S. 2

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