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Titelcover

Heft 05/1954
Schreibt die Wahrheit

Broschur mit 64 Seiten
Format: 170 x 240 mm

ISSN 0040-5418


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Schreibt die Wahrheit

Ich kenne keine bedeutende Epoche in der Geschichte des Theaters, die nicht zugleich eine bedeutende Epoche in der Geschichte des Dramas gewesen wäre. Es gibt keine derartige Epoche, und es wird nie eine solche geben. Das Theater lebt vom Drama seiner Zeit. Große Schauspielkunst, große Regiekunst, wirkliche Ensemblebildungen und besondere Stile der Darstellungskunst entwickeln sich vor allem an den Dramen der Gegenwart. Indem sich ein Theater entschließt, den Stücken seiner Zeit zu entsagen, entschließt es sich, die Nahrung zu verweigern, entschließt es sich zu sterben, ist es tot, wie wunderbar jugendlich und künstlich es sich auch noch eine Zeit zu Ibewegen vortäuschen mag. Es gleicht einem Mann, dessen jugendliches Aussehen, dessen Charme, dessen rosige Haut, dessen Lachen, dessen ebenmäßige Zähne, dessen kräftiger Haarwuchs plötzlich schaudern macht, da man bei nahem Zusehen die Schminke, die Perücke und das künstliche Gebiß gewahrt, mit denen sich ein Greis verjüngte.

Das ist die Situation des artistischen Theaters um des Theaters willen in der späten, imperialistischen Bürgerwelt, das sich dem Leben zu entziehen sucht und mit allen Mitteln der Verschönerungskunst die Gräber übertüncht und die Barbarei entschuldigt. Es ist ein unfruchtbares, es ist ein totes Theater. Aber es ist einleuchtend, daß die Herrschenden seine Jugendkraft loben. Es ist natürlich, daß die Toten im Parkett den Toten auf der Bühne Blumen zuwerfen.

Eine derartige Situation gibt es bei .uns im Theater nicht mehr. Be[ uns im Parkett sitzen nur noch verhältnismäßig wenige Tote, bei uns im Parkett sitzen junge Holzfäller, die ihre Axt an die Wurzeln des Todes gelegt haben. Bei uns im Parkett sitzen junge Zimmerleute, die entschlossen sind, die Erde bewohnbar und den Menschen menschlich zu machen. Sie wollen von dem Theater wissen, wie man das macht. Sie wollen von dem Theater wissen, wie die Welt, wie der Mensch heute beschaffen sein soll, um richtig handeln zu können. Sie wollen die Wahrheit wissen, ausschließlich die Wahrheit, ohne Beschönigung, ohne Kompromisse, die harte Wahrheit über den Menschen, der einzigen Gegenstand des Dramas. Das ist die Forderung qes Volkes an die Dramatiker: "Schreibt die Wahrheit". Das antwortete Stalin den Schriftstellern, die ihn fragten, was sozialistischer Realismus sei. Ein einfaches Programm, das schwer zu erfüllen ist. [...].

Aus Heinar Kipphardt: Schreibt die Wahrheit, S. 1

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