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Titelcover

Heft 07/1956
Zehn Jahre „Theater der Zeit“

Broschur mit 64 Seiten
Format: 170 x 240 mm

ISSN 0040-5418


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Zehn Jahre „Theater der Zeit“

Unsere Zeitschrift erscheint nun seit zehn Jahren. An dieser Stelle wäre also wohl der übliche "Jubiläums-Artikel" fällig. Aber wir - Redaktion wie Redaktionskollegium - sind keine Freunde des "Üblichen", zumal solche Aufsätze erwiesenermaßen mehr von den unmittelbar Beteiligten als vom Publikum gelesen und nützlich befunden werden. Die Beteiligten wissen ja ohnehin Bescheid; und das Publikum, gegenwärtig mit Jubiläen zehnjährigen Bestehens einiger tausend oder zehntausend Institutionen, Betriebe, Verlage, Zeitungen und Zeitschriften überfüttert, würde sich zu Recht langweilen. Es sei denn, man erzählte ihm anekdotisch und plaudernd etwas vom Beginn und zeigte dabei beispielsweise im Foto die ehrwürdig gewordene, rostige, aus Trümmerschutt gebuddelte, jahrelang einzige Redaktionsschere; oder man faksimilierte - um einen anderen schwierigen Zeitabschnitt zu illustrieren - einige wohlgemeinte "anleitende" Schriftstücke der ehemaligen Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten. Solche und andere Jubiläumsscherze könnten gewiß unterhaltsam und zugleich belehrend sein. Doch warum gerade heute -? Bloß, weil wir zufällig zehn Jahre alt geworden sind? Wir hätten ja ebensogut einige Monate oder ein Jahr später "das Licht der Welt erblickt" haben können.

Ernsthafte Liebhaber von Jubiläen - sie sind immer ernsthaft, obwohl sie doch rechtens jubilieren sollten - erwarten zunächst eine (möglichst mit statistischen Ziffern belegte) Aufzählung der Erfolge. Gewiß: wir haben sie - die Erfolge, nicht die Statistik; doch warum gerade heute darüber reden? Sie erwarten, laut Klischee, weiter; die "kritische Selbsteinschätzung". Auch die haben wir. Aber ich fürchte, sie ist so streng, daß, schrieben wir sie jetzt nieder, oben die Worte "Jubiläum" und "jubilieren" sogleich- zu streichen wären.

Gestern noch riet mir eIn Freund, ich solle doch ja betonen, daß während der zehn Jahre unseres materiell stets gesicherten Bestehens und angesichts unseres innerhalb und außerhalb der Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik sich stetig erweiternden Leserkreises - in der Bundesrepublik nicht weniger als 13 Theaterzeitschriften erschienen, jedoch stets in mehr oder minder kurzer Zeit eingegangen seien. Nun, die Zahl mag wohl stimmen, aber sie stimmt uns keineswegs festlich. Sie macht uns eher traurig. Weil wir nämlich meinen, daß wir - und unsere Leser - noch nicht genügend beigetragen haben, um die Einheit unseres Vaterlandes und damit die Einheit unserer deutschen Theaterkultur wiederherzustellen.

Was wird noch erwartet? Eine "Perspektive". Natürlich eine optimistische; denn wir sind ja schon zehn Jahre alt und haben deshalb zu jubilieren. Aber, lieber Leser, da machen wir nicht mit. Gerade da werden wir ernsthaft. Um es kurz zu sagen: Wenn man Werden und Wirken einer Zeitschrift, wenh man ihren Weg und ihr Ziel - in einem Zeitabschnitt, der in jeder Beziehung äußerst bewegt und spannungreich war - wirklich sinnvoll darlegen will, dann bedarf es dazu eines eingehenden Studiums sämtlicher 120 Hefte (nebst rund 500 Nummern "Theaterdienst"), und zwar hat dabei nicht nur jedes Heft, sondern haben sogar einzelne Beiträge - gute und schlechte, richtige und falsche - sehr exakt mit den jeweiligen Zeitereilgnissen konfrontiert und an ihnen gemessen zu werden. (Übrigens macht man dabei oft erstaunliche Feststellungen.) Allgemein gehaltene Aufzählungen wie "10 Jahre Kampf für den sozialistischen Realismus", "Unermüdliches Eintreten für die zeitgenössische Dramatik", "Kritisches Aneignen des klassischen Erbes", "Abwehr des Formalismus", "Entscheidende Hilfe beim Durchsetzen der sowjetischen und volksdemokratischen Dramatik", "Redliches Bemühen um eine marxistische Ästhetik" -: sie bleiben Fassaden, selbst wenn nachweisbare Tatsachen dahinterstehen. Denn aus Allgemeinheiten, selbst wenn sie richtig sind, kann man nichts anderes folgern als - Allgemeinplätze. Und das wollen wir nicht. Auch nicht bei einer Jubiläumsfeier.

Warten wir deshalb lieber einen nicht vom Kalender, sondern einen vom Leben bestimmten Zeitpunkt ab, um - etwa zu Beginn der nächsten Spielzeit, mit dem auch unsere Theater aktiver in die Epoche des zweiten Fünfjahrplans eintreten - eine gründliche und wissenschaftliche Analyse unseres Arbeitens und Wirkens, rückblickend und vorausschauend, zu geben. Diesen Aufsatz hat dann aber nicht ein Jubilar, sondern ein sehr kritisch wägender Außenstehender zu verfassen.

Fritz Erpenbeck: Zehn Jahre „Theater der Zeit“. Kein Jubiläums-Artikel, S. 1

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