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Titelcover

Heft 05/1961
Theater, Zuschauer, neue Stücke

Broschur mit 80 Seiten
Format: 170 x 240 mm

ISSN 0040-5418


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Theater, Zuschauer, neue Stücke

Schöpferische Fragen unserer Dramatik oder unserer Dramatiker haben während der vorbereitenden Diskussion zum Schriftstellerkongreß in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle gespielt. Das verführt zu dem Schluß, daß es keine Fragen gibt. Oder keine Stücke. Beide Schlußfolgerungen sind falsch. Wir haben eine Reihe neuer Stücke, wir haben Strittmatters "Holländerbraut", Baierls "Frau Flinz", Richters "Ehrengericht"; Hausers "Spuk von Frankenhöh" liegt vor, ebenso Luckes "Satanische Komödie", Zinners "Ravensbrücker Ballade" und Kerndls "Schatten eines Mädchens". An anderen Projekten wird gearbeitet. Das ist keine schlechte Bilanz für das Jahr 1960, in denen diese Stücke entstanden oder abgeschlossen worden sind. Und alle diese Stücke werfen Fragen auf, konkrete schöpferische Fragen unserer neuen Bühnenliteratur. Wir, die Leute vom Theater, reduzieren diese Fragen aber zunehmend auf die einfache praktische Entscheidung: das Stück wird gespielt oder das Stück wird nicht gespielt. Warum wir dieses oder jenes Stück schätzen, vielleicht sogar lieben, oder warum wir glauben, ein anderes in unserem Spielplan nicht am Platze zu finden, darüber sprechen wir in unseren Büros oder in der Kantine, bestenfalls noch mit dem Autor, wenn wir mit ihm allein sind, aber zu einer Mitteilung an die Öffentlichkeit, ja an den Verlag fehlt uns - was? Etwa der Mut, für eine Meinung einzustehen, für sie zu kämpfen oder von ihrer Unrichtigkeit überzeugt zu werden? Hier ist etwas nicht in Ordnung.

Strittmatters "Holländerbmut" zum Beispiel hat eine unterschiedliche Aufnahme gefunden. Der überwiegende Teil der Presse mäkelte an dem Stück herum, ohne das Ereignis eines Stücks von Strittmatter festzustellen. Infolgedessen entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, daß es sich überhaupt um ein schwaches, unwichtiges Unternehmen handelt. Für den Autor war das um so entmutigender, als es längere Zeit dauerte, ehe sich einige Theater - mittlerer Größe - entschlossen, das Stück nachzuspielen. Um die verfahrene Situation zu klären, wurde eine Aussprache mit Dramaturgen einberufen. Aber hier war plötzlich eine absolut unkritische Haltung gegenüber dem Stück entstanden, alle Mängel wurden auf das Konto der Aufführung geschrieben, und der normale schöpferische Aspekt der weiteren Vervollkommnung des Stücks, um die es Strittmatter wie jedem Autor bei dem erregenden Abenteuer der verschiedenen Inszenierungen ohne Zweifel gehen wird, war eine zeitlang nicht bestimmend. Die Theater haben doch aber nicht nur eine Verpflichtung zum Nachspielen allgemein, ihre schöne Möglichkeit besteht doch darüber hinaus in der Vervollkommnung, die sie gemeinsam mit dem Autor erreichen, an der sie bauen, mitwirken können. Und umgekehrt - selbst eine polemische Gegenkonzeption zum Uraufführungstheater bestätigt das Verdienst des Uraufführungstheaters. Vielleicht ist dieser größere Aspekt, der der gemeinsamen Vemntwortung für unsere neue Dramatik noch unklar, vielleicht liegt hier eine Ursache dafür, daß wir mit unseren verschiedenen Meinungen nicht in der Öffentlichkeit auftreten. So, als wüßten wir nicht, daß jeder Gedanke, jeder Hinweis, jeder Eindruck für die Sache von Bedeutung sein kann. [...].

Aus Gerhard Wolfram: Theater, Zuschauer, neue Stücke. Gedanken zum V. Deutschen Schriftstellerkongreß, S. 2

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