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Titelcover

Heft 22/1965
Zwischen „Faust“ und „Moritz Tassow“
Festtage in Berlin und Leipzig

Broschur mit 40 Seiten
Format: 200 x 270 mm

ISSN 0040-5418


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Zwischen „Faust“ und „Moritz Tassow“

Festtage in Berlin und Leipzig

Unser Heft ist diesmal vor allem wichtigen Ereignissen zweier theatralischer Festveranstaltungen gewidmet und deshalb, wie auch das nächste, stärker als unsere letzten Ausgaben der unmittelbaren Beschäftigung mit einzelnen Aufführungen gewidmet. Gerade weil unsere Redaktionstermine und unser Umfang keinen Gesamtüberblick in einem Heft gestatten, will es uns nützlich erscheinen, etwas vom Wesen solcher Unternehmungen zu resümieren. Während in Leipzig die 800-Jahr-Feier der Stadt Anlaß zur besonderen Demonstration der Leistungsstärke und Initiative dieses Theaters bot - ein Vorhaben, das gerade hier nicht an Jahrhundert-Traditionen gebunden sein sollte -, wozu sich bedeutsame Gastspiele bedeutsam fügten, standen die IX. Berliner Festtage diesmal scheinbar stärker im Zeichen der Gäste.

Gerade weil sich durch eine Vielzahl besonderer Umstände die Premieren der Berliner Theater in Grenzen hielten, soll ihnen unser besonderes Augenmerk gelten. Denn ohne das, was die Berliner Bühnen der Repräsentanz unseres Theaters an Neuem zufügen, würden diese Festtage ihren Sinn verlieren. Nicht zuletzt dadurch unterscheiden sie sich ja von dem Westberliner Parallelunternehmen, das sich auch in diesem Jahr neben zwei Brecht-Aufführungen, auf die wir noch zurückkommen, und einigen Routine-Premieren in einer geschmäcklerischen Themensetzung - diesmal galt sie dem japanischen Theater - erschöpfte und so kaum die "Fachleute" ansprach. Die Premieren am Deutschen Theater und in der Volksbühne aber münden auf ganz verschiedene Weise ein in das öffentliche Gespräch über die Probleme unserer Gegenwart. Ob es die Diskussion über Gestaltungsfragen der sozialistischen Dramatik ist oder das immer engere Vertrautwerden mit progressiven Theaterwerken des kapitalistischen Auslands: das Interesse und Gebot der Stunde wird in der Breite geweckt. - Wenn es trotzdem, neben der Begeisterung für die feinfühligen Regie- und überragenden Schauspielerleistungen des Leningrader Gorki-Theaters und die um eine Synthese von Tradition und Neuerertum bemühten Aufführungen des Belgrader Opern- und Ballett-Theaters, drei Gastspiele gab, für die es besonders schwer war, eine Karte zu erlangen, dann sollte auch das zu denken geben. Das Rostocker Volkstheater mit Weiss' "Marat"-Stück, das Londoner Workshop-Theatre mit "Oh what a lovely war" und das Warschauer Ateneum-Theater mit "Wenn erst die Apfelbäume wieder blühen" befriedigten offenbar das große Interesse des Publikums an ganz unterschiedlichen Formen erlebnis- und schauintensiven Theaters, auch dort, wo es bereits die traditionellen Formen einer Bühnenhandlung verläßt. Wenn die Littlewood von den Besuchern der Fußballplätze und ihren Forderungen an das Theater sprach, kann das nicht überhört werden. Und wir wollen nicht glauben, daß unsere Schauspieler unbeweglicher sind als die Londoner, unmusikalischer als die Warschauer und die vielfältigen - ohne zu sagen die "totalen" - Wirkungsmöglichkeiten der Bühne nicht nützen könnten. Aber man muß befürchten, daß es an der notwendigen Phantasie - und vielleicht auch dem nützlichen Idealismus - gebricht, um mit solchen schöpferischen Ideen (nicht den Nachahmungen der gesehenen) bisher nicht genutzten Ansprüchen an theatralische Unterhaltsamkeit nachzukommen. Das ist eine Lehre der Festtage.

Beilage: Neue sozialistische Dramatik 30 (Alfred Matusche: Der Regenwettermann) 12 Seiten

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