Kommentar

Vor dem Kollaps

Wie eine fehlgeleitete Kulturpolitik die freie Szene in Wien gefährdet

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„Stärken stärken“ war das PR-Motto der Stadt Wien zur letzten Konzeptförderungsvergabe. Dahinter verbirgt sich die zunehmende Zentralisierung freier Kunstproduktion an Produktionshäusern sowie die Konzentration von Geldern an von der Stadt personell besetzten und geförderten Orten, während gleichzeitig die Beträge für Kunstproduktion und freie Gruppen sinken. In den letzten Jahren wurden Gruppierungen, deren Fokus es ist, unabhängig Orte zu bespielen, systematisch nicht entsprechend unterstützt. Mehrere Initiativen von Künstlern wurden ignoriert. Gleichzeitig kofinanzieren freie Gruppen Orte, wie das Eldorado des Werks X, die bereits beachtliche Förderungen erhalten. Gut finanzierte Festivals expandieren zudem in alternative Spielorte, die ohnehin rarer werdenden Räume der Stadt werden preislich verdorben, weil hochsubventionierte Institutionen Summen bezahlen, welche die Budgets frei geförderter Projekte mehrfach übersteigen.

Aktuell zeichnet sich ein Kollaps der Arbeitszusammenhänge freier Gruppen ab. Zwei Koproduktionshäuser der Stadt werden zeitgleich renoviert, das brut und das Tanzquartier Wien. Das Tanzquartier hat seit Ende April geschlossen und wird Ende Januar 2018 unter neuer Leitung wiedereröffnet. Aus dem laufenden künstlerischen Budget wird die Renovierung bezahlt. Die Stadt Wien stellt keine zusätzlichen Gelder zur Verfügung. Es gab keinen Dialog mit der Künstlerschaft seitens der Stadt oder Angebote für Alternativen während der Schließung. Die Umwidmung betrifft Gelder, die für Koproduktionen, Proben- und Aufführungsräume, Technik, Trainingsangebote, Vorträge und Öffentlichkeitsarbeit den Künstlern zur Verfügung standen. Und die Künstler, deren Budget seit Jahren nicht erhöht wurde, finanzieren also nun die Renovierung des Tanzquartiers Wien, während sie gleichzeitig Probenräume, Aufführungsorte und Produktionsunterstützung verlieren. Somit fehlen Gelder und Ressourcen. Nach diesem Sommer, wenn sich die Festivalwelle gelegt hat, wird die freie Theaterproduktion in Wien stillstehen. Ist das kulturpolitische Verantwortung?

Wir müssen diese Struktur und unsere Rolle darin neu diskutieren. Wir benötigen Orte, um zu arbeiten, und Arbeitskontinuitäten, um künstlerische Visionen zu formulieren, die sowohl uns als auch das System, das uns umgibt, kritisch befragen und ästhetisch herausfordern. Was fehlt, ist eine öffentliche Diskussion mit der Kulturpolitik über die Missstände. „It is easy to critize capitalism with a budget of 38 millions“, las ich in Athen auf der Mauer eines Documenta-Ausstellungsgebäudes. Nehmen wir an, es könnte irgendwann so weit kommen, dass die Angst vor finanziellen Restriktionen uns zu lautlosen Komplizen dieses Systems macht. //

Die Autorin ist Regisseurin und künstlerische Leiterin des theatercombinats in Wien.

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