Wort und Zeit

Theaterverlage in Mexiko

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Trotz Krise öffentlicher Diskurse und Repräsentationssysteme erlebt die Dramatik gerade eine Sternstunde – „rase una vez ...“ von Jaime Chabaud. Foto Pili Pala
Trotz Krise öffentlicher Diskurse und Repräsentationssysteme erlebt die Dramatik gerade eine Sternstunde – „rase una vez ...“ von Jaime Chabaud. Foto Pili Pala

Seit zehn Jahren durchlebt Mexiko eine heftige Krise, deren Widersprüchlichkeit faszinierend ist. Öf­fentliche Diskurse und politische Repräsentationssyste­me waren noch nie so schwach wie heute. Die Wirklich­keit scheint auseinanderzubrechen. Auf Stellungnahmen und Reden der Regierungsvertreter antwortet fast un­mittelbar ein riesiger, anwachsender Stimmenchor, der aus allen Gesellschaftsbereichen dringt und seinem Misstrauen gegenüber politischen und auch kulturellen Vorgaben Ausdruck verleiht. Paradoxerweise scheint die mexikanische Dramatik gerade jetzt eine ihrer Stern­ stunden seit den Avantgardebewegungen des letzten Jahrhunderts zu erleben.

Seit dem Jahr 2000 und mit der Entstehung des von Carlos Nóhpal geleiteten unabhängigen Verlags Anóni­ mo Drama (Drama Anonym) ist die Art und Weise, Theatertexte in Mexiko zu publizieren, deutlich in Be­wegung geraten. Zu jenem Zeitpunkt besagte die Sta­tistik der Inszenierungen in den wichtigsten Produk­tionsstätten des Landes – Festivals eingeschlossen –, dass zu 80 Prozent ausländische Autoren und zu 20 Prozent mexikanische Autoren aller Epochen gespielt wurden. Zählt man heute die Premieren in mexikani­schen Produktionsstätten, so hat sich dieser Prozent­satz bis 2014 exakt umgekehrt. Das ist auf den nationa­len und internationalen Erfolg einer vielköpfigen Autorengruppe zurückzuführen, aber auch und vor al­lem auf Plattformen, die Öffentlichkeit schauen. Dazu zählen das Festival de la Joven Dramaturgia (Festival für junge Dramatik, 2003 gegründet), die Website dramaturgiamexicana.com (Mexikanische Dramatik, 2006 gegründet) und die Etablierung der zwei wich­tigsten Verlagsprojekte auf mexikanischer und latein­amerikanischer Ebene: Ediciones El Milagro (Verlag Das Wunder), 1992 von David Olguín gegründet, und Paso de Gato Ediciones (Verlag Auf Katzenpfoten), 2001 von Jaime Chabaud gegründet.

Der Verlag Ediciones El Milagro entstand aus ei­ner Initiative, in deren Rahmen ein mexikanischer und ein ausländischer Autor verlegt wurden. „Bald fiel uns auf, wie unterschiedlich die Erfolgsaussichten eines me­xikanischen Autors und eines Autors aus einem Land sind, das der dramatischen Literatur von jeher größere Bedeutung beimisst. Deshalb machten wir den Vertrieb unserer eigenen Autoren zu einem Schwerpunkt des Projekts. Wir wollen die Arbeit von Autoren begleiten, die uns wichtig erscheinen. Wir vier Lektoren entschei­den, wer bei El Milagro publiziert wird“, so David Ol­guín. Der Verlag Paso de Gato arbeitet auf ähnliche Wei­ se. Jaime Chabaud: „Die Komposition von Gesamtbildern, die als Ganzes Sinn ergeben, rechtfertigt vermeintliche Fehlentscheidungen. Die Realität zwingt uns dazu, einige Auftragswerke mit­ einzubeziehen, die der Wirt­schaftlichkeit des Verlags zugutekommen. Wenn unser aus sieben Augenpaaren bestehender Herausgeber­ rat einen Text für mangel­haft hält, wird er nicht ver­öffentlicht.“ Beide Verleger sind der Meinung, dass Erfolg und Bestehen ihrer Verlage auf deren Einmaligkeit zu­rückzuführen sind. In die­sem Sinne beschreibt Ol­guín: „El Milagro soll ein Schaufenster mexikanischer Texte sein, umfassend und vielfältig. Die Anthologie­ reihe, für die wir bekannt sind, und die Sammlung Teatro Emergente (Aufstre­bendes Theater), bei der wir auf junge Autoren setzen, erfordern viel Verlagsarbeit im engeren Sinne. Aber was El Milagro wirklich aus­ macht, ist die Art der Publikationen. Wir machen sehr hochwertige Produkte, die es mit denen bester Literatur­verlage aufnehmen können.“ Chabaud sagt: „Wir ver­suchen, Theatertexte aus unserer fernen, mittleren und jüngsten Vergangenheit zusammenzustellen, die ver­schiedenste regionale und generationsspezifische Eigen­heiten aufweisen. Was die Theorie betrifft, so wollen wir den Dialog zwischen dem in unserem und in anderen Sprachräumen entstehenden Gedankengut fördern. Darüber hinaus gibt es einen eigenen Bereich, der jun­gen Menschen gewidmet ist. Bücher aus dem Kinder­ und Jugendtheater erschienen zuvor nur vereinzelt, bis wir unsere Reihe herausbrachten – die neben den theatertheoretischen Publikationen übrigens die erfolg­ reichste ist.“

Auf die Frage, ob die Verlage den mexikanischen Autoren mehr Geltung im Ausland verschaffen könnten, sagt Olguín: „Den Zusammenhang gibt es natürlich, aber dieses Phänomen hat hauptsächlich mit der Ent­wicklung und der Qualität der Autoren zu tun. Wir brau­chen größere Produktionen, mehr Sichtbarkeit und langfristige Projekte, die Ausbildungs-­, Forschungs-­ und Schreibprozesse verbinden. In Lateinamerika ist es schon vorgekommen, dass ein Ensemble oder ein Regis­seur ein Stück inszeniert, weil ihm das Buch in die Hand gefallen ist.“ Chabaud dazu: „Seit Verlagsgründung hat es unseres Wissens wenigstens 40 Inszenierungen me­ xikanischer Autoren im Ausland gegeben, weil die Bü­cher in die richtigen Hände gelangt sind.“ //

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