Bestandsaufnahme

In der Schatzkammer des Welttheaters

Hat das chinesische Sprechtheater eine Tradition?

von

Die Inszenierungen von Herrn Jiao waren nur einige erste Versuche der chinesischen Schule. Die Nachfolger sollten sich mutig aufmachen, diese Schule weiterzuentwickeln. Ich bin ein überzeugter Nachfolger der chinesischen Schule und ein fleißiger Weiterentwickler. Verglichen mit anderen, die behaupten, treue Nachfolger Jiao Juyins zu sein, habe ich meiner Meinung nach sein Projekt besser weitergeführt.

Ich erinnere mich gut: Nicht lange nachdem ich „Feste der Freude, Feste der Trauer“ (Hongbai xishi) von Meng Bing inszeniert hatte, sagte der Schauspieler Yu Shizhi zu mir: „Jemand sagt, du seist gegen die Schule von Jiao Juyin …“ Als ich das hörte, war ich sehr verblüfft und wusste nicht, was ich Falsches gesagt hatte. Doch wenig später erinnerte ich mich, dass ich einen Text über die chinesische Schule geschrieben hatte. Ich holte meinen Textentwurf heraus und las ihn Yu Shizhi vor: „Hat das chinesische Theater eine eigene Schule?

Nein zu sagen scheint beschämend, wenn es in so einem großen Land keine eigene Schule gäbe, wäre es doch wirklich merkwürdig; doch wenn man Ja sagt, kann man nur über Jiao Juyins chinesische Schule reden, die begonnen, aber nicht vollendet wurde; die einzige Schule, die tatsächlich im ganzen Land Anerkennung findet, ist immer noch das aus der Sowjetunion importierte Stanislawski-System. (…)

Viele Gelehrte und ihre Helfer sind Maden des chinesischen Theaters, sie interessieren sich nicht für die verschiedenen Schulen, sondern sie denken, nur die mächtigen Theaterschulen seien richtig, sie seien die geistigen Erben der Kulturrevolution. Zahlreiche chinesische Intellektuelle sind gekauft, nur wenige von ihnen behalten ihren freien Geist. Die Theaterautoritäten schwingen die Fahne einer gefälschten Tradition und vertreiben alles, was ihnen nicht gefällt. Doch die Tradition, die sie bewahren, ist schon längst theaterhistorischer Müll geworden.“

Ich sagte zu meinem Kollegen Yu Shizhi, das Problem könnte vielleicht das „Unvollendete“ sein. Aber wäre es nicht besser, wenn unsere Theatertheoretiker einmal die subjektiven und objektiven Gründe dieses Unvollendeten erforschen würden? Es geht in diesem Beitrag überhaupt nicht um eine Kritik an der chinesischen Schule; extremer formuliert, auch wenn ich öffentlich etwas gegen Jiao Juyins chinesische Schule gesagt hätte, wäre das eine wissenschaftliche Frage. Stile und Schulen kann man den Leuten nicht in den Kopf pflanzen, im praktischen künstlerischen Prozess übernimmt jeder selektiv das, was er braucht. Kunstschaffende müssen Autoritäten immer verachten. Ohne das Volkskunsttheater gäbe es keinen Lin Zhaohua. Und doch will ich nicht Sklave einer bestimmten stilistischen Tradition sein. Ich denke oft: Dass Jiao Juyin in den 1950er Jahren über das Errichten einer chinesischen Schule sprach, war eine sehr mutige Aktion. In einem Text schreibt er: „Als vor ein paar Jahren sowjetische Experten nach China kamen, wurden auch aus der Musiktheaterwelt viele geschickt, um das Stanislawski-System zu studieren. Natürlich muss man sagen, dass das Stanislawski- System weltweit ein fortschrittliches Theatersystem ist, doch gibt es in China nicht auch ein vortreffliches Aufführungssystem?“

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