Bestandsaufnahme

Vom Matterhorn zum Monte San Giorgio

Ein exemplarischer Blick auf die Schweizer Theaterlandschaft

von

Matterhorn, Eiger und Rigi überstrahlen in der Außenwahrnehmung alle anderen Schweizer Bergspitzen, und seien sie noch so wohlgeformte Viertausender. Doch lokal spielen auch weit weniger hohe Erhebungen eine wichtige Rolle. Ähnliches lässt sich über die Theaterlandschaft der Schweiz feststellen. Christoph Marthaler, das Teatro Malandro, die Compagnia Finzi Pasca, Milo Rau oder Zimmermann & de Perrot genießen internationale Anerkennung. Vor Ort prägen aber auch viele andere Institutionen und Gruppen die sehr lebendige und vielfältige Schweizer Szene. Die unterschiedliche Farbgebung verläuft auf der geografischen Achse der Sprachregionen und auf der strukturellen der Theatersysteme (Repertoire vs. Ensuite und Stadttheater vs. freie Szene, wobei es einzig in der Deutschschweiz durch die Stadttheaterstruktur ein ausgeprägtes Repertoiresystem gibt). Derart manifestieren sich eine spannende Vielzahl von unterschiedlichen Arbeitsweisen und Spielformen. Eine spezifische Schweizer Theaterästhetik gibt es nicht. Festzuhalten sind höchstens eine große Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit, die durch die sprachlichen und kulturellen Abgrenzungen zusätzlich eine regionale Ausprägung erfahren. Denn die Orientierungs- und Perspektivpunkte für die Deutsch- und diejenigen der Westschweiz sowie des Tessins und der rätoromanischen Regionen sind breit gestreut.

„Schwarzes Tier Traurigkeit“ von Anja Hilling, inszeniert vom Theaterkollektiv Sur un Malentendu (Lausanne 2015). Foto Nicolas di Meo
„Schwarzes Tier Traurigkeit“ von Anja Hilling, inszeniert vom Theaterkollektiv Sur un Malentendu (Lausanne 2015). Foto Nicolas di Meo

Stadttheater. Die Regisseurin Karin Henkel zeigte im Herbst 2015 im Zürcher Schiffbau mit dem Mammutprojekt „Die zehn Gebote“ eindrücklich auf, was ein Stadttheater leisten kann. Was hier an Infrastruktur, Technik und Personal im Westen der Stadt aufgefahren wurde, ist gigantisch. Ein 15-köpfiges Ensemble nimmt die Zuschauer auf eine imposante Bilder- und Pilgerfahrt mit. Es vereint sie zu Beginn in der zentralen Kathedrale des Schiffbaus als Glaubensgemeinschaft, um sie anschließend in einzelnen Schicksalsgemeinschaften an Nebenschauplätze zu führen, die mit unglaublicher szenografischer Liebe zum Detail eingerichtet und simultan bespielt wurden. In diesen Räumen öffnen sich in Variationen die Abgründe des menschlichen Zusammenlebens. Im gemeinsamen Wahrnehmen entstehen magische Momente des Vergänglichen – vier kurze Stunden lang.
Das System Stadttheater erlaubt mit seinem Repertoirebetrieb, diese raren Momente immer wieder aufleben zu lassen, sozusagen dem plötzlichen Theatertod ein Schnippchen zu schlagen – umso mehr als das Publikum die Chance hat, dieselben Schauspielerinnen und Schauspieler in anderen Rollen und Konstellationen wiederzusehen. Dieses kontinuierliche Arbeiten eines Ensembles in einer und für eine Stadt – in Basel, Bern, Biel/Solothurn, Luzern, St. Gallen und Zürich – gibt dem Theater eine einmalige Forumsfunktion des physischen Aufeinandertreffens und des Austauschs.

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