Jugendliche bewerben sich auf Theaterbühne um Ausbildungsplatz

Heilbronner Hauptschüler suchen bei Kulturprojekt einen Arbeitgeber

Furkan hockt auf dem Boden der Heilbronner Theaterbühne, langsam dreht er sich, bis er in der Mitte des Raumes steht. Die Musik beginnt, und der 16-Jährige überrascht mit einer Tanzperfomance nach Michael-Jackson-Manier. «Das ist Furkan», sagt sein Klassenkamerad Raphael.

«Furkan möchte gerne Tänzer werden.» Furkan Yenigün ist einer von 23 Hauptschülern, die derzeit ein ungewöhnliches Theaterprojekt erproben: Sie stellen sich auf der Bühne vor und bewerben sich dabei um einen Ausbildungsplatz. Am Mittwoch (24. März) ist Premiere im Heilbronner Theater.

«Suche Zukunft - eine Dauerbewerbungsshow» heißt das Stück, in dem die Jugendlichen die Theaterbühne nutzen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen: Wegen ihres schlechten Hauptschulabschlusses haben sie keinen Ausbildungsplatz gefunden, aber auch keine Chance auf eine weiterführende Schule. Momentan besuchen sie das Berufseinstiegsjahr und absolvieren Praktika. Sie wollen nichts dringender, als den Einstieg ins Berufsleben schaffen.

Fast ein Drittel der Jungen und Mädchen bewerben sich über das Stück um einen konkreten Ausbildungsplatz. Toni und Fabian etwa wollen Koch werden. Dazu stellen sie ihre Kochkünste auf der Bühne unter Beweis und versorgen das Publikum mit kleinen Kostproben. «Schmeckt's?», fragen sie - und schieben direkt die Frage nach: «Haben sie einen Ausbildungsplatz für mich?». Die Praktikabetriebe der Schüler wurden vom Theater bereits zur Premiere eingeladen. Vertreter einer Zahnarztpraxis etwa haben schon zugesagt, ebenso Vertreter der Gewerkschaft ver.di.

Die drei Minuten, die jeder Schüler auf der Bühne für sich hat, werden ganz unterschiedlich genutzt. Wer sich nicht direkt um eine Ausbildung bewirbt, spricht auf der Bühne über seine Stärken und Schwächen oder seine Träume und Wünsche. So wie Furkan, der tanzt, während sein Klassenkamerad ihn vorstellt: «Lernen ist nicht so seine Sache», berichtet dieser über Furkan. «Er arbeitet ehrenamtlich in einem Jugendhaus. Als Jugendbetreuer. In Neckarsulm. Dort gibt er Tanzunterricht für die Jugendlichen. Er passt auf sie auf.»

Obwohl sein Traumberuf Tänzer sei, erzählt Furkan, bewerbe er sich derzeit um einen Ausbildungsplatz im Einzelhandel. «In unserer Situation ist es wichtiger, erst mal eine Ausbildung zu machen.» Danach könne er weiter schauen, sagt er nüchtern über seinen Tänzertraum. Anfangs wollte der 16-Jährige nicht so recht mitmachen bei dem Projekt. Aber dann habe ihn die Arbeit an dem Stück überzeugt: «Wir versetzen uns nicht in andere Rollen, sondern wir spielen uns selber.»

Regisseurin Maria Magdalena Ludewig sieht die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen positiv. Ein Problem sei aber immer wieder die sehr niedrige Frustrationsgrenze der Jungen und Mädchen: «Etwas durchzuhalten, ist für sie schwierig», sagt sie. «Und sobald was Schlechtes im Leben der Jugendlichen passiert, ist sofort alles scheiße», drückt sie es drastisch aus. Doch im Laufe des Projekts hätten die Teilnehmer gelernt, über sich selbst zu sprechen.

Der 16-jährige Raphael Aykut etwa sagt, seit Beginn des Projekts hätten sie untereinander öfter darüber geredet, dass sie in der Schule besser werden müssten. Sein Ziel ist jetzt ein Notendurchschnitt von mindestens 3,0. Dann könne er auf die Realschule wechseln. Er will Sportassistent werden und braucht dazu die Mittlere Reife. Das Projekt habe ihn verändert, sagt Raphael. «Mein Selbstbewusstsein ist gestärkt, ich habe mehr Motivation.»

Theaterintendant Axel Vornam will mit dem ungewöhnlichen Projekt kein «Betroffenheitstheater» inszenieren, wie er sagt, sondern die Öffentlichkeit in der unmittelbaren Begegnung mit den Jugendlichen für das Thema sensibilisieren. Die Jugendlichen sollten Raum erhalten, sich mit sich selbst zu verständigen und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Vornam wünscht sich, dass sie ihr Stück Glück vom Leben einfordern. Das sei ihr gutes Recht, findet er.

Von ddp-Korrespondentin Malena Alderete
ddp/prt/han

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