Aus den Bergen auf die Insel

Der Berliner Autor Gernot Wolfram wird neuer Inselschreiber von Sylt

Gegensätzlicher ist Wohnen in Mitteleuropa kaum möglich: Der Berliner Schriftsteller Gernot Wolfram verbringt einen Teil des Monats im österreichischen Kufstein, den Rest verlebt er in seiner zweiten Wahlheimat Berlin. Ab Juni wird das Arbeitsumfeld noch ein wenig exotischer. Dann fungiert er als neuer Inselschreiber von Sylt mit Zwischenaufenthalt in Johannesburg, Südafrika.

«Ich war noch nie auf Sylt», sagt der 1975 in Zittau geborene Wolfram. Die Heimat im Dreiländereck von Polen, Tschechien und Deutschland verließ er zwar bereits vor der Maueröffnung, zu einem Trip auf das als «Insel der Reichen und Schönen» geltende Eiland gab es allerdings noch keine Gelegenheit. Früher sei er eher nach Rügen gefahren, sagt Wolfram und gesteht fast entschuldigend: «Ich kenne Sylt auch eher aus bunten Blättern.»

Um so größer sind seine Erwartungen. «Die Insel interessiert mich sehr, weil sie literarisch ein ganz wichtiger Ort ist.» Nicht nur in Bezug auf Hans Fallada (1893-1947), der 1935 den Roman «Das Märchen vom Stadtschreiber, der aufs Land flog» veröffentlichte, sondern als Sujet an sich. Wolframs neuester Roman «Die Feuersäule» beispielsweise sei auf einer griechischen Insel entstanden. Auf Sylt wolle er nun letzte Durchsichten vornehmen. «Ob alles stimmt und Kraft hat.» Das Werk beschäftigt sich mit dem Terror-Anschlag auf die Synagoge von Djerba 2002.

Jüdische Themen nehmen einen Mittelpunkt im Schaffen von Wolfram ein. Promoviert hat er über den Dichter Paul Celan (1920-1970) und arbeitete in Berlin am Centrum Judaicum. 2005 erschienen der Roman «Samuels Reise» und eine Monografie über den Görlitzer Rechtsanwalt Paul Mühsam (1876-1960), der 1933 nach Palästina ausgewandert war.

Endgültig bekannt wurde Wolfram mit dem 2003 erschienenen Roman «Der Fremdländer», die seinen zweiten großen Themenkreis Fremdheitserfahrungen umspannen und von dem er sich auch Eindrücke in Sylt erhofft. Denn die erste echte Fremdheitserfahrung war für den Schriftsteller eine Deutsch-deutsche. «Meine erste große Reise führte mich ins tiefste Bayern. Dort wusste man, dass ich aus der DDR kam und fragte, woher ich so gut Deutsch beherrsche. Denn im Osten würde doch nur Russisch gesprochen», erzählt er.

Nicht nur auf der nordwestdeutschen Insel kann Wolfram Fremdheitserfahrungen aufspüren. «Der Aufenthalt des Inselschreibers zu zwei verschiedenen Jahreszeiten bei uns wird durch eine Reise nach Johannesburg in Südafrika ergänzt», sagt eine Sylter Sprecherin. Für Wolfram ist dieser «Abstecher» ein Geschenk, das er als «absoluter Südafrika-Neuling» annimmt, wie er sagt. «Ich denke, dass das absolut spannend wird.« Schließlich interessiere ihn immer die Einbettung von Sprache in konkrete Landschaften.

Gerade vor dem Hintergrund der Fußballweltmeisterschaft 2010 dürfte sein Aufenthalt spannend werden, schätzt Wolfram ein. Bei dem Ereignis stießen zwei südafrikanische Perspektiven zusammen, auf die er erwartungsvoll schaue: «Den Blick der Schwarzen und der Appartheidweißen. Aber wird das wirklich die große soziale Verbrüderung?», fragt Wolfram, der die Tour erst gezielt nach der WM antreten will, denn leere Stätten hätten eine ganz andere Poesie.

Zudem interessierten den studierten Germanisten immer auch Grenzerfahrungen, wovon beispielsweise sein neuestes Theaterstück «Die dicke Frau» handele. Ebenso wie die »Feuersäule» will er es während seiner Inselschreiber-Zeit nochmals durchsehen. Wenn er im Sommer und dann nochmals im Winter 2010 nach Sylt fährt, hofft er auch auf eine wie auch immer geartete Erfahrung zu einem Tier, das er bewundert: den Octopus. Davon handele nicht nur sein nächstes Buch. Er sehe das Verspeisen eines Octopus auch als Allegorie aufs Schreiben, weil zertrennte Dinge wieder zusammengesetzt würden.

Wolframs Vorgänger auf Sylt sind seit 2001 Terézia Mora, Moritz Rinke, Feridun Zaimoglu, Juli Zeh, Thomas Hettche, Jenny Erpenbeck, Jan Peter Bremer, Franzobel und 2009 Judith Kuckart. Für die Funktion des Inselschreibers ist eine Bewerbung notwendig. Die Kandidaten werden von einer jährlich wechselnd, vorwiegend mit
Literaturkritikern besetzten Jury bewertet. Für die Position im Jahr 2010 hatten sich mehr als 200 Autoren beworben.

Von ddp-Korrespondent Torsten Hilscher / ddp

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