Das Nibelungenlied erhält den UNESCO-Welterbetitel

Die älteste der drei Handschriften ist für vier Tage in Karlsruhe zu sehen

In Karlsruhe liegt die älteste und historisch bedeutendste der Handschriften des berühmten «Nibelungenlieds». Die zu den denkwürdigsten Erzählungen aus dem Mittelalter zählende Sage ist in insgesamt drei vollständigen Abschriften überliefert, je eine befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek München, in der Stiftsbibliothek St. Gallen und in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Die Handschriften gehören nun zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Anlässlich der Auszeichnung der UNESCO in München am 25. Januar präsentiert die Badische Landesbibliothek ihre sonst äußerst selten zu sehende Abschrift für vier Tage. Vom 28. bis 31. Januar sind außerdem weitere mittelalterliche Handschriften aus dem Bestand zu sehen.

Ute Obhof, Leiterin der Sammlungen in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, will sich dabei nicht nur auf die bekannte Sage vom Helden Siegfried, von seiner Ermordung und dem Untergang der Nibelungen konzentrieren. Die 15 ausgewählten wertvollen Exponate aus dem 12., 13. und 14. Jahrhundert sollen auch von dem Fund der Nibelungenhandschrift berichten sowie den Heldentypus als solchen erklären: «Jeder vernünftige Held hat seit der Antike mit einem Drachen zu kämpfen gehabt. Sollte es dazu kommen, dass kein Drache greifbar ist, muss es wenigstens ein Riese sein», fasst Ute Obhof die typische Heldendramaturgie der Zeit zusammen.

In den oft farbenfrohen Buchmalereien hat sie viele Darstellungen von Helden mit Drachen gefunden. Auf eine Federzeichnung in Rot ist sie besonders stolz, denn dieses Fragment aus dem 12. Jahrhundert zeigt eine der frühesten Darstellungen des historischen Gotenkönigs Theoderich. Er thront auf einem Richterstuhl, über ihm schwebt ein Flugdrache. In der Sage verwandelte sich der historische Herrscher in die mythische Gestalt des Dietrich von Bern, ein edler Recke, der mit Riesen kämpft und auch im Nibelungenlied einen Gastauftritt hat.

Mindestens ebenso spannend wie die alten Sagen sind die Entdeckungen der Handschriften. In der völlig unordentlichen Bibliothek des Schlosses Hohenems fand 1755 ein interessierter Arzt das um 1220 von einem unbekannten Schreiber notierte Nibelungenlied. Als einige Jahre später diese Handschrift zu Forschungszwecken ausgeliehen werden sollte, fand man sie in der Hohenemser Bibliothek nicht wieder. Sie blieb für mehrere Jahrhunderte verschwunden. Stattdessen wurde eine andere Abschrift der Sage entdeckt.

Die zuerst gefundene Nibelungenhandschrift, heute als Codex C benannt, kam Mitte des 19. Jahrhunderts dank der Hartnäckigkeit des begeisterten Sammlers Joseph von Laßberg in die Bibliothek der Fürsten zu Fürstenberg. Beim Verkauf der Bibliothek 2001 sicherten sich die Bundesrepublik Deutschland und die Landesbank Baden-Württemberg die wertvolle Nibelungenhandschrift, die seitdem in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe aufbewahrt wird.

Was unterscheidet die Karlsruher Handschrift von den anderen Überlieferungen des Nibelungenlieds? «In allen Überlieferungen finden sich Überarbeitungen des Stoffes und inhaltliche Widersprüche, aber der Autor des Codex C hat versucht, diese Widersprüche zu glätten», erklärt Ute Obhof. Typisch für das mittelalterliche Erzählen sei das Herunterbrechen historischer Ereignisse auf persönliche Konflikte. Im Nibelungenlied löst der Streit zwischen den Königinnen Brünhild und Kriemhild den Untergang eines ganzen Volkes aus.

Dass viele Menschen an einer einzigen Handschrift mitgearbeitet haben, verrät etwa der für Ulrich von Rappoltstein angefertigte «Parzifal». Von 1331 bis 1336 arbeiteten in Straßburg mindestens zwei Schreiber, ein Übersetzer und zwei Kompilatoren an dem Buch. «Diese Handschrift ist sehr gesprächig», stellt Ute Obhof fest, denn fast alle, die an ihr gearbeitet haben, hinterließen in Randbemerkungen ihre Spuren.

Damit die wertvollen Stücke durch eine Ausstellung keinen Schaden nehmen, muss für die exakt richtige Luftfeuchtigkeit, Temperatur und die richtige Menge Licht gesorgt werden. «Bei einer Ausstellung, die nur vier Tage dauert, muss ich genauso aufpassen, als wenn es vier Monate wären», sagt Restauratorin Michaela Komlósy.


Von ddp-Korrespondentin Nike Luber
ddp/lub/han

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