Zweifelsfrei peinlich

Da war doch was: Die Verleihung des „Faust“ am Staatstheater Mainz. Ein Rückblick

Grundsätzlich ist „Der Faust" eine gute Sache, auch weil er den Blick nicht abwendet von der Provinz. So finden sich neben den großen Häusern immer auch randständige Theater unter den jeweils drei Nominierungen in acht Kategorien. Freilich ist es schon eine Ehre, nominiert worden zu sein, Geld gibt es ja ohnehin keines.

Nach Essen, München und Stuttgart wurde diesmal das Staatstheater Mainz auserkoren, den Veranstaltungsort für die Preisverleihung abzugeben. Ein roter Teppich wies den Weg ins Große Haus, darauf ließen sich etwa Ministerpräsident Kurt Beck, Michel Friedman und Bärbel Schäfer, aber auch Maria Schrader vorführen. Einige Schaulustige, eher zufällig vom angrenzenden Weihnachtsmarkt angespült, guckten brav zu. Moderiert wurde der Gala-Abend dann von den Schauspielern Gustav Peter Wöhler und Inga Busch, die sich an diesem Abend umwerfend schrecklich in Szene setzte. Nicht nur im Vergleich zu der legendär scharfzüngigen Moderation von Peter Jordan und Bernd Moss bei der Preisverleihung 2007 wirkten die so genannten Gags hochgradig bieder und zweifelsfrei peinlich.

Auch Laudator Peter Konwitschny machte ernsthaft den Eindruck, er hätte erst kurz zuvor erfahren, dass er auf die Bühne müsse. Unvorbereitet hangelte er sich durch seinen Text, bis endlich die Einspielfilme ihn und das Publikum erlösten. Zum Glück betrat als nächstes Andreas Kriegenburg die Bühne, der den Preis für die beste Sängerdarstellung im Musiktheater in Vertretung für den erkrankten Michael Volle („Wozzeck", Bayerische Staatsoper) in Empfang nehmen und sich in seiner Dankesrede dann als Regisseur der Produktion selbst loben durfte. Später holte er sich, wie nicht anders zu erwarten, gemeinsam mit Andrea Schraad für ihren herrlichen Drehbühnenwahnsinn den Preis für die beste Ausstattung („Der Prozess", Münchner Kammerspiele).

Die Intendantin des Schauspiel Köln, Karin Beier (beste Regie, „Das goldene Vlies"), nutzte ihre Dankesrede dann, um den Stadtoberen ins Gewissen zu reden. Sie sprach sich gegen den geplanten Neubau des Schauspielhauses aus, weil nicht hinnehmbare Etatkürzungen drohten. Das, was auf der Bühne stattfinde, müsse geschützt werden und nicht das Drumherum, forderte Beier.

Wir hätten ihr gern noch länger zugehört, allein um vom stets lauernden Moderatorengespann verschont zu bleiben. Wie es überhaupt vornehmlich die Preisträger waren, die der Veranstaltung Schwung und Charme zuführten. Martin Schläpfer (beste Choreografie) und Christopher Roman (beste darstellerische Leistung Tanz) präsentierten sich ebenso sympathisch wie unterhaltsam. Auch Meike Droste, die, wie nicht anders zu erwarten, für ihre Rolle der Mascha in Tschechows „Die Möwe" in der Regie von Jürgen Gosch den Preis für die beste darstellerische Leistung im Schauspiel bekam, sprach sehr berührend von der großen Leere, die der Tod des Regisseurs in ihrem Leben hinterlassen habe und pries seine Geduld wie seinen Humor.

Wim Wenders hielt eine feinnervige Laudatio auf Pina Bausch, die posthum für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Auf der Leinwand sah man sie noch einmal gespenstisch traumverloren im „Café Müller" tanzen und hörte sie sagen, sie habe schon viele Frühlinge gesehen und wolle noch viele sehen. Ach. Stehende Ovationen für die schmale Frau. Als sich danach alle Laudatoren und Preisträger fürs obligatorische Gruppenfoto auf der Bühne versammeln, tänzelt Wenders ihnen leichtfüßig davon. Irgendwie der schönste Moment. Shirin Sojitrawalla

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