Abschied von Curth Flatow

Curth Flatow, der Grandseigneur des deutschsprachigen Boulevardtheaters, ist am Tag nach der bejubelten Premiere der Inszenierung seiner Komödie „Kundendienst“ am Winterhuder Fährhaus in Hamburg mit 91 Jahren in seinem Haus in Berlin-Dahlem am 4. Juni 2011 an Herzversagen gestorben.

Geboren 1920 in Berlin, als Sohn eines Humoristen und einer Chanson-Sängerin einschlägig vorbelastet, schrieb Flatow zunächst Drehbücher, Sketche, Chansons und Rundfunkbeiträge, bevor 1960 sein erstes Theaterstück Uraufführung hatte und er in den folgenden Jahren zum erfolgreichsten Komödienautor auf deutschen Bühnen avancierte. Seine Stücke wurden in zahlreiche Sprachen und Dialekte übersetzt und in über zwanzig Ländern aufgeführt; auch im Fernsehen feierte er große Erfolge, so z. B. mit „Ich heirate eine Familie“. Für seine Arbeit hat er vom Telestar über die Goldene Kamera bis zum Bundesverdienstkreuz zahlreiche Preise bekommen.

Zu seinen bekanntesten Theaterstücken gehören „Der Mann, der sich nicht traut“ (UA: 1973 im Theater am Kurfürstendamm, Berlin), und „Romeo mit grauen Schläfen“ (UA: 1985 in der Komödie im Bayerischen Hof, München). Seine erfolgreichste Musikalische Komödie ist „Cyprienne oder Scheiden tut nicht weh“ (UA: 1966 im Theater am Dom, Köln). Zu seinen neueren Stücken gehören „Faust ohne Gretchen“ (1995), „Ein gesegnetes Alter“ (1996), „Ein Mann ein Wort oder Der 30jährige Krieg“ (1999), die alle am Theater am Kurfürstendamm uraufgeführt wurden, sowie „Nachspiel oder Das Ende einer ersten Ehe“ (UA: 2001, Tournee Komödie Berlin), „Rock und Bluse oder Paßt das etwa nicht zusammen?“ (UA: 2000, Kleine Komödie Wien), „Der Ausbrecher oder Ein Mann nimmt sich die Freiheit“ (UA: 1997, Komödie Düsseldorf) und „Zwei in Opposition – Liebe ergreift Partei“ (UA:1997, Neues Theater Hannover, unter dem Titel „Nicht schwindelfrei – Wenn Liebe Partei ergreift“). Völlig unbeeindruckt von seinem biografischen Alter schrieb Curth Flatow weiter. Im Januar 2012 geht „Männer sind auch Menschen“, das 2006 in Hannover uraufgeführt wurde, in seiner Braunschweiger Produktion zum vierten Mal auf Tournee. Und drei weitere Stücke sind entstanden: „Das Messer an der Kehle oder Der Barbier von Paris“, „Kundendienst“ und „Dornröschen und der Scheibenwischer“.

Zum Abschied von Curth Flatow am 14. Juni 2011 auf dem Berliner Waldfriedhof sprachen Theaterleiter und Regisseur Jürgen Wölffer, der schon in "Der Mann, der sich nicht traut" mitgespielt hatte, die Verlegerin Dr. Krista Jussenhoven, Flatows Dramaturgin für „Cyprienne oder Scheiden tut nicht weh“, das 90 Produktionen erlebte – und der Autor selbst durch den Mund von Ingeborg Wölffer, der Witwe des Theater am Kurfürstendamm-Gründers Hans Wölffer, die Flatows Ansprache an die Trauergemeinde verlas: „Es schluchze mir bloß keiner in eine Pointe rein. Denen, die das tun, werde ich eine Ewigkeit lang böse sein. – Was ich neulich bei einer Trauerfeier, die ich noch erlebte, mitbekam, war, dass der Redner den Verstorbenen bedauerte. ‚Nun ist er von uns gegangen, und er war doch gerade so glücklich.’ Ja, wann soll man denn dann sterben? Traurig und unglücklich und dann noch ins Gras beißen? Das kann man doch keinem Menschen zumuten, eigentlich nicht mal wünschen.

Ich habe in letzter Zeit oft darüber nachgedacht, wann ich am liebsten abtreten würde. Peter Ustinov hat einmal geschrieben: ‚Am Ende eines Satzes!’. Ich möchte gern glücklich abgehen, vielleicht nach einer Premiere, die ein rauschender Erfolg war.“

Von der Kundgabe dieses Wunsches war seine Verlegerin Krista Jussenhoven nicht weniger verblüfft als die gesamte Trauergemeinde. Denn eben das ist Curth Flatow tatsächlich geglückt. Den Erfolg seiner Hamburger Premiere „Kundendienst“ konnte Krista Jussenhoven ihm noch telefonisch beschreiben. Eine Stunde später war er tot.

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