Provokateur vom Dienst

Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief im Alter von 49 Jahren an Lungenkrebs gestorben

Mit dem Operndorf «Remdoogo» in Burkina Faso wollte sich Christoph Schlingensief nach Ansicht vieler noch ein Denkmal setzen. Im Februar wurde der Grundstein für das Projekt «Festspielhaus Afrika» gelegt. Die Fertigstellung wird der trotz seiner schweren Krebserkrankung bis zuletzt arbeitende Regisseur nicht mehr erleben.

Er lebte länger als viele gedacht hatten, schließlich verlor er aber den Kampf gegen den Krebs. Schlingensief starb am Samstag in Berlin im Alter von 49 Jahren.

Lange hielt der Nichtraucher Schlingensief seine Erkrankung geheim. Als er 2008 die Diagnose bekam, zog er sich komplett zurück. Monate später meldete er sich in Interviews zurück und berichtete vom Krebs und den Folgen. Zugleich nahm er seine Arbeit wieder auf, die seitdem viel um seine Krankheit kreist: 2008 zeigte er bei der Ruhrtriennale «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir», 2009 feierte im Wiener Burgtheater «Mea Culpa - eine ReadyMadeOper» Premiere. Zudem veröffentlichte er das Buch «So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein - Tagebuch einer Krebserkrankung».

Mit immer neuen Aufgaben und Projekten schien Schlingensief seiner schweren Krankheit verzweifelt Paroli bieten zu wollen. Immer wieder verlautete auch, die Ärzte könnten die Metastasen in Schach halten. Im August 2009 heiratete Schlingensief seine Mitarbeiterin, die Kostüm- und Bühnenbildnerin Aino Laberenz, und ließ sogar mal durchblicken, das Paar wünsche sich Kinder.

Der Regisseur war 2009 Mitglied der Berlinale-Jury, nahm die Aufgabe der Gestaltung des Deutschen Pavillons für die Biennale 2001 in Venedig an und wollte die Oper «Metanoia» zur Wiedereröffnung des Berliner Schiller Theaters als Ausweichquartier für die Staatsoper Unter den Linden im Oktober inszenieren.

Dann machte ihm der Krebs doch einen Strich durch die Rechnung. Die Teilnahme an dem Kulturfestival Ruhrtriennale im August, wo Schlingensief «S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken» inszenieren wollte, musste er im Juli wegen einer erneuten Krebsdiagnose absagen.

Immer wieder wurde Schlingensiefs fast dramatische Vorahnung seines Schicksals zitiert. Als er im Sommer 2004 an seiner Bayreuther «Parsifal»-Inszenierung arbeitete, machte er in einem Interview eine prophetische Bemerkung: Er sei davon überzeugt, nach dem «Parsifal» Krebs zu bekommen. Vier Jahre später sollte sich seine Aussage bewahrheiten.

Schlingensief zählte seit vielen Jahren zu den bekanntesten und umstrittensten Film- und Theaterregisseuren Deutschlands. Er war auch Menschen ein Begriff, die nicht regelmäßig Opernhäuser und Theater besuchen, und schaffte es mit seinen künstlerischen Projekten spielend auf die Seiten der Boulevardpresse.

Kritiker waren zuweilen uneins darüber, ob Schlingensief nur um der Provokation willen provoziere oder vielleicht doch zu den «letzten deutschen Moralisten» zählte. Oft und gerne überschritt er die Grenze vom Theater zur Politik, etwa als er auf der Kasseler Dokumenta 1997 ein Plakat mit der Aufschrift «Tötet Helmut Kohl» präsentierte und von der Polizei vorübergehend festgenommen wurde.

Aus einem nach seiner eigenen Schilderung kleinbürgerlichen Elternhaus in Oberhausen im Ruhrgebiet hatte der Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester schon früh zur Kunst gefunden. Als Gymnasiast gründete er das Jugendfilmteam Oberhausen und realisierte mehrere Dokumentarfilme. Nachdem er sich zweimal vergeblich an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film beworben hatte, nahm er in München ein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte auf, das er nach sieben Semestern abbrach.

Eine Episode blieb seine Tätigkeit als Aufnahmeleiter der TV-Serie «Lindenstraße», eine «grauenvolle Erfahrung», wie er später bekannte. 1988 produzierte er für das ZDF das Fernsehspiel «Schafe in Wales». Seine Karriere als «Provokateur vom Dienst» begann mit den Filmen «100 Jahre Hitler» und «Das deutsche Kettensägenmassaker». In letzterem zeichnete Schlingensief die erste Stunde der deutschen Wiedervereinigung als «nationales Schlachtfest»: Die Nachricht von der Maueröffnung versetzt eine westdeutsche Metzgersfamilie in einen hemmungslosen Blutrausch, bei dem mehrere DDR-Bürger gemeuchelt werden.

Das Werk avancierte zum Kultfilm. «Eine Abrechnung mit Helmut Kohls Wiedervereinigung und eine gelungene Antwort auf die Langweile des deutschen Films», schrieb die «Süddeutsche Zeitung». Der ewige Kanzler hatte es Schlingensief angetan. Zur Bundestagswahl 1998 gründete er die Partei «Chance 2000» für Nichtwähler, Behinderte und andere Minderheiten. Öffentlichkeitswirksam lud er vier Millionen Arbeitslose dazu ein, gleichzeitig im Wolfgangsee im Salzkammergut zu baden und Kohls dortiges Urlaubsziel zu fluten.

2004 inszenierte er bei den Bayreuther Wagner-Festspielen erstmals eine Oper. Wohl keine andere Inszenierung auf dem Grünen Hügel erregte solch ein öffentliches Interesse. Der ganz große Skandal blieb allerdings aus. «Schlingensief war da und Bayreuth steht noch», schrieb der Kritiker der «Zeit» damals.

Von Georg Etscheit und Nadine Emmerich
ddp/nad/jfr

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