«Wir predigen gegen die Seele»

René Pollesch über sein neues Stück «Ping Pong d'Amour»

München (ddp). Der Theaterautor und Regisseur René Pollesch gilt als Vertreter eines neuen politischen Theaters. Er ist seit 2001 künstlerischer Leiter des Praters der Berliner Volksbühne, seine Stücke wurden mehrfach ausgezeichnet.

Nun hat Pollesch als Autor und Regisseur zusammen mit den Schauspielern Katja Bürkle, Bernd Moss und Martin Wuttke den Theaterabend «Ping Pong d'Amour» entwickelt, der am Samstag (14. Februar) an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wird. Ulrike Köppen (ddp-Korrespondentin) sprach mit Pollesch über sein neues Stück.


In «Ping Pong d'Amour» überschreiben Sie das bekannte französische Boulevardstück «Boeing Boeing» mit Teilen aus Darwins Evolutionstheorie und bringen Liebe in Verbindung mit Kapitalismus. Wo besteht der Zusammenhang?

Pollesch: Ja, Kapitalismuskritik ist gerade sehr en vogue, jeder will sie haben, jeder will sie hören, jeder will sie auch ins Theater bringen. Und da ist sie sehr konsensfähig. Weil sie sich darauf beschränkt, zu sagen, dass wir nur bessere Menschen werden müssen. In «Ping Pong d'Amour» geht es nicht unbedingt um Liebe und Kapitalismus.

Was war dann die Grundidee für das Stück?

Pollesch: Es gibt einen Artikel «Politik der Unsterblichkeit» von dem Kunsthistoriker und Medientheoretiker Boris Groys. Er schreibt über sowjetische Raketenforscher, die natürlich nicht an die Unsterblichkeit der Seele glauben und stattdessen vorschlagen, für eine Unsterblichkeit der Körper zu sorgen, indem man sie einbalsamiert und in den Weltraum schießt.

Das ist unserem christlich geprägten Denken fremd. Wir können eher die Unsterblichkeit der Seele denken und antizipieren zu Lebzeiten den Perspektivwechsel, der uns nach dem Tod versprochen wird. Das Jenseits. Dann werden wir erlöst sein von unserem Mann-Sein, Frau-Sein, Schwarz-Sein oder Weiß-Sein. Was aber, wenn man sich auf eine Unsterblichkeit der Körper einlässt? Dann ist jeder ein konkreter Körper und sofort von seinem Mann-Sein oder Frau-Sein erlöst.

Hat das gesellschaftsverändernden Anspruch?

Pollesch: Im Theater stellt das eine ganze herrschende Konstruktion auf den Kopf. Denn es betritt immer nur eine Seele die Bühne und nie ein Körper: nämlich die Figur, der Autor, der Text. Der Text ist das Primat, und das macht Schauspieler und Regisseure zu Sklaven. Wir drehen das um. Das ist eine rein praktische Angelegenheit: Es ist nicht so, dass ich einen Text schreibe und dann alle um mich herumsitzen und wir uns überlegen: «Was machen wir jetzt mit dem Ding?» Sondern ich bin als Autor der Dienstleister für die Schauspieler. Ich komme mit Material an und werfe alles um, wenn ich merke, dass das für die Schauspieler keinen Bestand hat.

Und was hatte dieses Mal Bestand?

Pollesch: Wir predigen gegen die Seele. Unser Vorschlag an dem Abend ist: Verbrennen wir die Texte und kümmern uns um die Körper. Ich werde ja oft in Podiumsdiskussionen gefragt: «Glauben Sie, dass Ihre Werke in 20 Jahren noch gelesen werden?» Und ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich das nicht interessiert. Ich sage mit Groys: Verbrennt meine Texte und schießt meine Leiche in den Weltraum. Nach meinem Tod will ich nicht als Text existieren, sondern lieber als am Himmel funkelnde Mumie auf die Erde leuchten.

Wo kommt Darwin ins Spiel?

Pollesch: Theater beruht auf der Grundannahme, dass wir alle ähnlich sind und wir uns deshalb in dem, der auf der Bühne steht, wiedererkennen. Wenn man aber Darwin ernsthaft liest, hat er diese Annahme der Ähnlichkeit widerlegt. Stattdessen plädiert er für eine ungeheure Variabilität der Wesen. Alle Wesen sind sich also absolut unähnlich. Wenn man das ernst nimmt, gäbe es keinen Rassismus und Sexismus mehr. Ich will mich nicht zurichten für eine Lesbarkeit, die das Publikum fordert. Aber solche Dinge scharf darzustellen - und zwar ernsthaft scharf - ist das Anliegen des Abends.

ddp/ukö/pon

Foto: Max Lautenschläger (www.maxlautenschlaeger.de)

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