Abschied vom Schauspiel Frankfurt

Intendantin Schweeger verlässt das Haus nach acht Jahren

«Das werde ich vermissen. Während meiner Zeit hier habe ich sieben Türme wachsen sehen», sagt die scheidende Intendantin des Schauspielhauses.

Von ihrem Büro im fünften Stock des Frankfurter Schauspielhauses sieht Elisabeth Schweeger durch ein großes Fenster auf ein gutes Dutzend Hochhäuser des Bankenviertels. Im Juni verlässt sie die Stadt in Richtung Hannover, wo sie die Festwochen Herrenhausen leiten wird.

Acht Jahre lang hat Schweeger Frankfurts großes Theater geleitet. In dieser Zeit ist das Publikum im Durchschnitt jünger geworden, es fanden auch kultur- und naturwissenschaftliche Kongresse und Clubveranstaltungen statt. Bei der offiziellen Verabschiedung bescheinigte ihr Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), im Theater sei es «in den letzten Jahren nie langweilig» geworden. Schweeger selbst sagt, mit ihr sei dem Schauspiel «eine Öffnung hin zur Stadt» gelungen.

Am Mittwochabend (3. Juni) ist die letzte Premiere in der Intendanz Schweeger. Wanda Golanka inszeniert Peter Handkes «Die Stunde da wir nichts voneinander wussten» mit dem gesamten Schauspielerensemble, das mit insgesamt 350 Kostümen auch seinen eigenen Abschied aus Frankfurt farbenfroh gestalten will. Kaum einer aus dem Ensemble bleibt unter dem neuen Intendanten Oliver Reese am Haus.

Sie sei wehmütig und andererseits auch froh, betont Schweeger. «Die Leute sind uns zugetan. Das gibt mir das Gefühl, zu wissen, warum und wofür ich hier gearbeitet habe.» Auf viele Themen, die das Schauspiel gesetzt habe, gebe es Resonanz, national und international. Das Frankfurter Haus bekannter und relevanter gemacht zu haben, das schreibt sich Schweeger als Verdienst zu.

Es gibt auch Kritiker ihrer Arbeit, die ihr vorhalten, sie mache «kopflastiges Theater», das sich nur an eine Avantgarde richte. Kritiker, die ihre Maxime «Denken ist sexy» nicht sexy finden. «Theater kann gar nicht kopflastig sein», entgegnet die  Intendantin. «Da geht es um Menschen und Emotionen. Und Denken hält uns doch am Leben.» Aber Kritik müsse sein, findet sie.

Auch in Hannover, wo die zukünftige Intendantin der auf Alte Musik spezialisierten Festwochen Herrenhausen der Moderne mehr Raum geben will, sorgen sich manche wegen Schweegers Innovationswillen, wenn man Zeitungsberichten glauben darf. Die gebürtige Wienerin schreckt das nicht ab: «Erwartungshaltungen sind immer einerseits positiv, andererseits negativ.»

«Kunst polarisiert automatisch», sagt sie. «Wenn alle gleich denken würden, wäre das schrecklich.» Sie schätze die Unterschiede. Kunst für alle, sagt sie nach einigem Überlegen, könne es nur insofern geben, als dass sich alle damit beschäftigen sollten. «Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil von Existenz, eine andere Form von Nahrung.»

Was sie für ihre Intendanz in Hannover plant, skizziert Schweeger nur knapp: Einiges werde sich ändern, das Programm solle «Musik, Philosophie und Bildende Kunst verbinden». Schon beim aktuellen Programm der Festwochen, die am Samstag (30. Mai) begonnen haben, war sie Beraterin. Zeitgenössische Komponisten werden künftig vertreten sein, in philosophischen Salons sollen Menschen miteinander diskutieren. Ob sich das etablieren lässt, ob auch sie selbst am neuen Engagement Gefallen findet, will sie nach zwei Jahren prüfen. Irgendwann wolle sie auch wieder ein Theater leiten, sagt Schweeger, die in diesem Jahr ihren 55. Geburtstag feiert.

Zunächst aber steht ihr Abschied aus Frankfurt an, den außer der Handke-Premiere und einer «Bucovina Club»-Party ein Kongress über den Flaneur flankiert. Das Thema liege ihr am Herzen, sagt Schweeger. «Eine Stadt, die so unter Hochdruck steht wie Frankfurt, muss mal zur Ruhe kommen. In Ruhepausen entstehen neue Ideen.» Auch sie selbst wird als Intendantin der mehrwöchigen Hannoveraner Festspiele wohl mehr Zeit als in Frankfurt haben, um neue Ideen zu entwickeln.

Stephan Loichinger

ddp/loi/nje

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