Ausnahmeschauspieler ohne Starrummel

Der Schauspieler Hilmar Thate wird 80 Jahre alt

Hilmar Thate ist eine Ausnahmeschauspieler fast gänzlich ohne Starrummel. Obwohl der Mime seit Jahrzehnten - erst im Osten, dann im Westen, später im wiedervereinigten Deutschland - als Darsteller zur ersten Garde gehört, wird er kaum auf roten Teppichen gesichtet.

In den Klatschblättern ist er ein seltener Gast. Es sei denn, seine Frau Angelica Domröse ist wieder einmal von öffentlichem Interesse.

Dabei ist Thate Teil der deutsch-deutschen Theater- und Filmgeschichte: Er war "Der König von St. Pauli" in Dieter Wedels gleichnamiger Milieustudie für das Fernsehen. Er war Daniel Druskat im erfolgreichen DDR-Mehrteiler. Er war Richard III. im Deutschen Theater Berlin Anfang der 70er Jahre, über den die Theatergemeinde noch heute spricht. Er brillierte als erstes Opfer des Zweiten Weltkrieges im "Fall Gleiwitz" (DEFA, 1961), eine minimalistische Rolle, deren Text aus einem einzigen Schrei besteht.

Zu seinen Filmregisseuren zählten unter anderen Konrad Wolf (1925-1982), Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) und Volker Schlöndorff. Am Theater arbeitete er auch mit Peter Zadek (1926-2009), Ingmar Bergmann (1918-2007) und mit George Tabori (1914-2007).

Den Lebensmittelpunkt hat Thate mit seiner Frau Angelica, mit der er seit 1976 verheiratet ist, in Berlin-Charlottenburg. In seinem Lieblingsrestaurant sinniert er vor einem Glas Rotwein über die Weltlage, die Geschichte Deutschlands, die aktuelle deutsche Politik, seinen Kiez, aber eben auch über den eigenen Berufsstand. Vor allem der Nachwuchs bereitet ihm Sorgen: "Dabei gibt es Schauspieltalente in Deutschland. Nach wie vor gibt es begabte Jungs und Mädels, die nur nicht gefördert und gefordert werden."

Dass junge Schauspieler kaum noch gefördert würden, liege am Geist der Zeit, "an diesem Neoliberalismus, in dem wir schweben", sagt er. Alles stehe unter Zeitdruck und sei nur auf Wachstum ausgerichtet. Dieser Zeitdruck ermögliche es den jungen Kollegen nicht mehr, zu lesen oder sich zu informieren, "etwas weiter zu gehen als das Stück selbst". Das heiße nicht, "dass sie ungebildet sind, aber sie haben ein mangelndes kulturhistorisches Wissen".

Seine Generation habe sich einst noch ausprobieren können, habe Stoffe, Inhalte, Schicksale noch hinterfragen können. Ein weiteres Grundübel sei die mangelnde Substanz der Schauspielschulen. An den Theatern wiederum fehlten feste Ensemble, die junge Talente formten, es gebe nur Notgemeinschaften.

Thate redet frei heraus. Schon immer. Das hat ihm Ärger eingebracht, als er mit der Domröse 1976 die Biermann-Resolution unterschrieb und auch, als er daraufhin bei "Befragungen" der Stasi ins Gewissen redete. "Da haben sich viele DDR-Kollegen an den Kopp gefasst, wie naiv ich denn sei. Aber ich sage: Wenn man eine Meinung auch wirklich vertritt, kann das durchaus wirksam sein."

Er hat sich nie selbst verleugnen müssen, das half ihm auch über schwierige Zeiten. Zum Beispiel, als er die DDR 1980 verließ. Noch mehr half ihm immer die Nähe zu Angelica Domröse. Er machte gnadenlos ihre Alkohol- und Tablettensucht öffentlich. benannt. "Das Thema moralisierend zu sehen, ist ein Fehler. Man muss offensiv damit umgehen." Es half seiner Frau letztlich tatsächlich.

Die beiden Schauspieler leben in Symbiose. "Das ist geronnene Arbeit, die wir teilen", sagt er. "Wir könnten gar nicht ohne einander." Trotz oder gerade weil sie beide Schauspieler mit Herzblut sind.

Von Torsten Hilscher

dapd

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