Bayreuther Festspiele

Evgeny Nikitin sagt wegen Nazi-Tattoos Auftritt ab

Kurz vor der Generalprobe des „Fliegenden Holländers” bei den Bayreuther Festspielen hat der Bassbariton Evgeny Nikitin seinen Auftritt abgesagt. Der Russe war für die Titelrolle vorgesehen.

Anlass waren Nikitins Tätowierungen, auf die die Festspielleitung nach eigener Aussage durch Recherchen der „Bild am Sonntag” aufmerksam geworden ist. In der ZDF-Kultursendung „Aspekte” am Freitagabend waren ältere Aufnahmen Nikitins zu sehen, die ihn als Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Band zeigen. Auf seiner Brust ist ein Hakenkreuz-Tattoo zu erkennen, das teilweise von einem anderen Motiv überdeckt ist. Außerdem sind germanische Runen zu sehen. Darunter die „Elhaz”, die in Nazi-Deutschland ein Symbol für den Beginn des Lebens war und bis heute eine Rolle in der Neonazi-Szene spielt. Die Lebensrune wurde früher von der SS-Organisation „Lebensborn” und der NS-Frauenschaft genutzt. Die Verwendung der Rune ist heute nicht strafbar. Mitten auf der Brust trägt Nikitin die sogenannte Kampf- oder Tyr-Rune. Fachbuchautor Volker Koop („Hitlers Germanenwahn”) erklärte, dass diese Rune „das Kennzeichen einer SS-Freiwilligendivision und Auszeichnung für die Absolventen der Reichsführerschulen” war.

Nikitin gab am Samstag eine schriftliche Stellungnahme ab: „Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen”. Nach einem Gespräch mit der Festspielleitung habe er sich dazu entschieden, auf seinen Auftritt auf dem Grünen Hügel zu verzichten. „Ich habe mir die Tattoos in meiner Jugend stechen lassen. Es war ein großer Fehler in meinem Leben und ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte”, schrieb er weiter. Nach eigener Aussage kannte Nikitin die Bedeutung einiger Tätowierungen nicht. „Es war mir nicht klar, dass die Symbole, die ich als Tattoos trage, in Zusammenhang gebracht oder sogar von Nazis oder Neonazis benutzt werden können”, sagte er der „Bild am Sonntag”.

Die FAZ geht allerdings davon aus, dass der Festspielleitung die Tätowierungen seit langem bekannt waren: „Hatte man ihm nicht in den Werkstätten ein Holländer-Kostüm auf den Leib geschneidert? Waren die Tattoos nicht Thema in diversen Interviews gewesen? Und hatten die Festspiele nicht schon vor einem Jahr, im Vorfeld der Neuinszenierung, eine Fotodokumentation all seiner Tattoos bei Nikitin erbeten?” Warum er dann erst jetzt, vier Tage vor der Premiere, gehen musste, bleibt unklar.

Der fliegende Holländer wird nun von Samuel Youn gespielt, der bereits bei der Generalprobe am Samstag auf der Bühne stand. Der Südkoreaner sei auch im Falle einer Erkrankung als Ersatz für Nikitin vorgesehen gewesen, sagte ein Sprecher der Festspielleitung am Sonntag. Bis zur Premiere seien weitere Einzelproben mit Youn geplant. Die „künstlerische Beschädigung der Inszenierung” sei selbst nach Einarbeitung eines Ersatzes immens, sagte Regisseur Jan Philipp Gloger nach dem Gespräch mit Nikitin. Es sei fraglich, ob sein Ausfall bis zur Premiere restlos aufgefangen werden könne.

Youn studierte Gesang in Seoul, Mailand und Köln. Seit der Spielzeit 1999/2000 ist er Mitglied im Ensemble der Oper Köln, wo er auch schon die Titelrolle im „Fliegenden Holländer” sang. Sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen gab er 2004 als zweiter Gralsritter im „Parsifal”. Seitdem war er mit Ausnahme der Jahre 2008 und 2009 durchgehend in kleineren Rollen auf dem Grünen Hügel zu sehen. Seit 2010 verkörpert er den Heerrufer des Königs in der Oper „Lohengrin”. Diese Rolle soll er neben seinem Engagement als „Holländer” auch in diesem Jahr spielen.

Quellen: dapd, Berliner Zeitung, faz

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