Ein Leben nach dem Tanz

Stiftung Tanz - Transition Zentrum Deutschland hilft bei beruflicher Neuorientierung

Noch mag die ehemalige Tänzerin Juliane Barbara Krüger nicht wieder in ihr altes Theater gehen. Zwölf Jahre tanzte sie am Theater Magdeburg, dann musste sie verletzungsbedingt aufhören. Eigentlich hätte sie mit 31 noch ein paar Jahre weiter machen können, doch die Füße schmerzten zu sehr.

Krüger war monatelange krank, musste in die Reha. "Man kommt körperlich an seine Grenzen", sagt sie im dapd-Interview. Mit der Entscheidung für das Karriere-Ende kamen die Ängste vor der Zukunft. So wie Krüger geht es fast allen Profi-Tänzern irgendwann, wenn die unvermeidbare Umorientierung ansteht. Bei dieser hilft seit 2010 die Stiftung Tanz - Transition Zentrum Deutschland.

"Die meisten Tänzer haben ihre Kindheit und Jugend im Ballett verbracht und kennen nichts anderes", sagt Projektleiterin Heike Scharpff, die Psychologie studierte und anschließend als Regisseurin im Theater arbeitete. Tänzer haben nicht wie andere junge Leute während des Studiums gejobbt und Berufserfahrungen gesammelt. Viele haben kein Abitur gemacht, sodass ein Studium ausscheidet. Nach Angaben Scharpffs hören jedes Jahr rund 180 Tänzer auf zu tanzen und stehen vor der Frage: Wie geht es jetzt weiter? Bei der Stiftung mit Sitz in Berlin meldeten sich bisher rund 100 Tänzer aus dem ganzen Bundesgebiet, die um Informationen oder konkrete Begleitung baten.

Umorientierung betrifft auch Privatleben

Das Theater sei "wie eine kleine Welt für sich", sagt Krüger, die vor 25 Jahren als Sechsjährige mit dem Tanzen begann. In der Compagnie fühlte sie sich "geschützt". Dort hatte sie fast alle ihre Freunde. Die Umorientierung, in der sie gerade mittendrin steckt, betrifft daher nicht nur den Job, sondern auch ihr Privatleben. "Ganz so schwierig habe ich es mir nicht vorgestellt", sagt sie. Und: "Man fühlt sich allein." Scharpff beschreibt den Ausstieg "wie eine Beziehungstrennung". Man brauche "ein paar Jahre zum Abschied". Sie wünscht sich daher auch mehr Vernetzung der Tänzer untereinander. Dazu ist etwa ein Workshop in Berlin in Planung.

Bei Krüger laufen die Überlegungen, wo es beruflich hingehen soll und wo ihre Stärken liegen, derzeit auf Hochtouren. "Wie bei anderen mit 18", sagt sie. Etwas Kaufmännisches könnte ihr gefallen, vielleicht aber auch Physiotherapie. Begleitet ist ihre Suche von "Ängsten, ob man wieder so erfolgreich wird". Und wieder etwas findet, wo man sich "so stark ausleben kann". Viele ehemalige Tänzer streben einen Job als Choreograf an, Krüger will jedoch komplett raus aus der Szene. Auch am Beispiel ihrer Schwester, die ein Wirtschaftsstudium macht, sah sie, "was auf der Welt noch los ist".

Tänzer verdrängen Gedanken ans Karriereende

Einen Satz hat Krüger inzwischen oft gehört: "Das musste dir doch von Anfang an klar sein." Aber sie weiß auch aus eigener Erfahrung: "Man schiebt den Gedanken weg." Finanzielle Existenzängste muss die 31-Jährige zum Glück nicht haben, sie war im Theater Magdeburg fest angestellt und bekommt Arbeitslosengeld. Doch viele Tänzer sind Freiberufler, die keine Umschulung finanziert bekommen. 2008 gab es laut Scharpff in Deutschland etwa 1.500 fest angestellte Tänzer, 2.000 freie Tänzer und Choreografen sowie 300 Tänzer und Choreografen in Musicalproduktionen.

Krüger tanzt inzwischen übrigens immer noch "ein bisschen", aber kein klassisches Ballett mehr. Zudem macht sie Yoga und Pilates und geht ins Fitnessstudio, um körperlich in Form zu bleiben. Ihr Körper kann nicht stundenlang still sitzen, ist das tägliche harte Training gewöhnt. "Tänzer bleibt man lebenslänglich", sagt sie.

Von Nadine Emmerich
dapd

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