Entlassung Sewan Latchinian

Offener Brief der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger und der Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer e. V.

Der Präsident Jörg Löwer und die Landesvorsitzende Nord der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger Sabine Nolde sowie Gerrit Wedel, stellvertretender Geschäftsführer der Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer, wenden sich gegen die Entscheidung den Rostocker Intendanten Latchinian zu entlassen:

Mit knapper Mehrheit hat der Hauptausschuss der Rostocker Bürgerschaft den Intendanten des Volkstheaters in der Hansestadt, Sewan Latchinian, fristlos gekündigt. Vorwurf: Sein Vergleich der desaströsen Kulturpolitik Mecklenburg-Vorpommerns mit Kulturzerstörungen im Irak. Und vor allem: Latchinians vorgebliche Weigerung, den von der Bürgerschaft beschlossenen Spartenabbau umzusetzen. Ob diese Gründe für diesen Rauswurf juristisch tragfähig sind, müssen die Arbeitsgerichte entscheiden.

Für das Volkstheater Rostock und seine Beschäftigten ist der Schaden in jedem Fall groß und irreparabel:

Der kaufmännische Geschäftsführer Stefan Rosinski soll zunächst die Leitung des Hauses übernehmen – künstlerisch entsteht so ein Vakuum: Der Intendant hatte nicht nur selbst inszeniert, sondern war auch Schauspieler. Wer tritt in diesen drei Funktionen an seine Stelle? Generalmusikdirektion, Operndirektion
und Schauspieldirektion fehlen dem Volkstheater ohnehin schon.

Falls doch ein neuer Intendant gesucht werden sollte, würden die Rostocker Kulturpolitiker wohl nur in der dritten Reihe fündig: Nach Latchinian käme im besten Falle ein willfähriger Nachfolger, der die Zwei-Sparten-Strategie exekutiert.

Und eine Vermutung bleibt bestehen: Zwar hatte die Rostocker Bürgerschaft eine Fusion der Theater Rostock und Schwerin in der Vergangenheit eindeutig abgelehnt. Soll jetzt ein solches Modell durch die Hintertür installiert werden? Der Rostocker Intendanten-Posten vielleicht gar nicht wieder besetzt werden,
um eine gemeinsame Intendanz Schwerin-Rostock zu installieren? Das Rostocker Volkstheater würde dann als Bespieltheater aus der Landeshauptstadt mitversorgt werden. Eine Kehrwende innerhalb von
neun Monaten von einer Personalentscheidung für ein Vier-Sparten-Theater bis zum exakten Gegenteil inklusive arbeitsrechtlicher Konsequenzen für den Befürworter dieser Linie erscheint begründungsbedürftig.

Ganz konkret würde eine Abfindungszahlung mit in Sicherheit mehrfacher sechsstelliger Höhe für den ehemaligen Intendanten Latchinian, dessen Vertrag bis 2019 gelaufen wäre, den ohnehin engen Finanzplan des Hauses zusätzlich belasten. Nähme man alle Abfindungen für die geschassten Intendanten der
letzten Jahre, hätte sich jede Strukturdebatte in finanzieller Hinsicht vermutlich erledigt.

Diese Entlassung ist ein in ihren Konsequenzen völlig undurchdachter Schnellschuss, der die ohnehin schwierige Lage in Rostock eskalieren lässt. Womöglich hatte Latchinian doch Recht: In Mecklenburg-Vorpommern soll immaterielles Weltkulturerbe mit der Brechstange zerstört werden.

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