Entlassung Sewan Latchinian

Offener Brief von Ulrich Khuon und Holger Schultze

Der Vorsitzende der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins
und Intendant des Deutschen Theater Berlin Ulrich Khuon und Holger Schultze,
Vorsitzender des Künstlerischen Ausschusses des Deutschen Bühnenvereins
und Intendant des Theater und Orchester Heidelberg, reagieren in einem gemeinsamen offenen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Rostock auf die Entlassung des Intendanten Sewan Latchinian:

Offener Brief
an Herrn Oberbürgermeister Roland Methling


Sehr geehrter Herr Methling,

mit großer Bestürzung haben wir die fristlose Entlassung des Rostocker Theaterintendanten Sewan Latchinian durch Sie und den Hauptausschuss der Bürgerschaft zur Kenntnis genommen. Wir missbilligen diese Vorgehensweise zutieftst.

Es ist offensichtlich, dass Sie durch dieses Manöver von der eigentlichen Problematik ablenken wollen: nämlich dass Sie eine katastrophale Zerstörung der Strukturen des Rostocker Theaters durchführen und ein Vierspartenhaus zum Zweispartenhaus amputieren. Dies ist für uns inakzeptabel.
Stillos und unkorrekt ist es auch, einen Intendanten unter Vortäuschung falscher Tatsachen (Vierspartenhaus) ans Theater Rostock zu engagieren und diesem anschließend die Arbeitsgrundlage zu entziehen.

Sicher kann man die Äußerungen von Herrn Latchinian in der Öffentlichkeit kritisch sehen, dennoch stellen sie keinen ausreichenden Grund für eine Kündigung dar. Sie benutzen diese Entlassung als Vorwand, nicht nur um die Strukturen zu schwächen und das Theater weiter in seiner Handlungsfähigkeit einzuschränken, sondern auch um den Spartenabbau rascher und ohne einen Intendanten, der sich für sein Theater einsetzt, durchzuführen.

Wir fordern Sie auf, die fristlose Kündigung zurückzunehmen, da Sie hiermit sowohl dem Theater als auch der Stadt Rostock großen Schaden zufügen.

Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Khuon
Vorsitzender der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins
Intendant Deutsches Theater Berlin

und

Holger Schultze
Vorsitzender des Künstlerischen Ausschusses
des Deutschen Bühnenvereins
Intendant Theater und Orchester Heidelberg

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Leserkommentare

Barbara Krippendorf
1

Als ehemalige Rostockerin erinnere ich mich an wunderbare Aufführungen und habe noch Kontakte zu Tänzerinnen und Schauspielern. Die Nachricht von der Zerstörung dieses Theaters, das gerade durch das hingebungsvolle Engagement des neuen Intendanten und allen Künstlern und Mitarbeitern so viel Aufschwung erhalten hatte, berührte mich zutiefst. Welche Menschen können solcherart Entscheidungen treffen? Politiker agieren gegen Künstler, zerstören Kultur und Lebensräume und den Ruf einer Stadt.
Ich wünschte mir den Aufschrei und Protest der Bürger, die Solidaritäts-Erklärung mit den Künstlern und Kultur-Schaffenden des Theaters und seines Intendanten und ganz besonders der zwei betroffenen Sparten, die ich gerade am meisten liebe.

noplanlady
2

@Ratzie
werfen Sie da nicht zwei Sachen in einen Topf? Die Defamierung, wie Sie es nennen, wurde durchaus kriitisiert, auch aus eigenen Reihen, wenn man so will. Die Entlassung ist wohl eher das, was in der derzeitigen Entwicklung in der Theaterlandschaft Fassungslosigkeit, Unmut, Enttäuschung, ... hervorruft.
Ich gebe Ihnen Recht: es mag an vielen Häusern Einiges aus dem Lot gekommen sein, und dennoch:
1) es kann nicht sein, dass die Daseinsberechtigung über Quoten läuft und
2) gutes Theater sollte irgendetwas in mir auslösen
Mit Nummer 1) käme ein Haus dem Kulturauftrag in seiner ganzen Bandbreite nach und mit Nummer 2) wehre ich mich gegen Berieselung. Somit kann das Theater nicht mit diversen anderen Kultureinrichtungen über einen Kamm geschoren werden. Es hat andere Mittel - und andere Stärken!

Stephan Engelhardt
3

Was über lange Zeit aufgebaut wurde wird aus kurzsichtigem politischen Kalkül zerstört! Diesen Fehler wieder gut zu machen! Wie kann eine
Kommune zusehen wie sie kulturell demontiert wird?

Prof. Dr. Gerhard Ebert
4

Das ist immerhin eine konkrete und vor allem sehr charaktervolle Reaktion führender deutscher Theaterleute auf die Kultur-Barbarei des Rostocker Bürgermeisters und seiner Hörigen. Was zumindest hoffen lässt, dass die Künstler dran bleiben an diesem Skandal, sich in Deutschland endlich solidarisieren und einfach nicht mehr zulassen, wie kulturfeindlich mit ihnen umgegangen wird.

Helga Spielberger
5

Seit gestern verfolge ich diese wirklich schlimme Sache.An unserem Theater ist vor Jahren auch ein Generalintendant geschasst worden durch den OB .wir fanden,zu Unrecht und auch aus banalen! Gründen. Er hatte gegen die fristlose Kündigung geklagt,Recht bekommen,und wer hats bezahlt,das Theater mit seinen Mitarbeitern.Diese Politiker heute sind alle so eingleisig und kurzsichtig. Und das in Rostock,das war doch immer eine weltoffene Stadt und nun ? Kleingeistigkeit.

Margret Günzl
6

Das ist sozusagen die Politik der kleinen Schritte. Diese Handlung dokumentiert den Kleingeist des Bürgermeisters! Mal sehen was folgt. Einfach beschämend, was hier geschieht.
Ich hoffe auf die Rostocker Bürger - Demo zum Erhalt der Theaterkultur.

Ratzie
7

schon spannend wie menschen die sich über unangemessenes verhalten beschweren dann völlig unangebracht und beleidigend gegenüber der gegenseite reagieren.
weiterhin werden hier schlichte defamierungen mit künstlerischer freiheit gleichgesetzt, welches ich ebenfalls für nicht angebracht halte.
desweiteren ist diese entscheidung nicht von einem einzelnen getroffen worden.
und mal ganz ehrlich die verbindung zur restlichen diskussion zum volkstheater... hätte diese kulturstätte nur ansatzweise den geist ihrer stadt getroffen, ihr interesse mit ihrem programm und dessen darstellung angesprochen, gäbe es die problematik garnicht.
es steht ausser frage, dass kultur gefördert werden soll und MUSS, doch bis zu welchem punkt?
die verhältnismäßigkeiten sind hierbei völlig aus dem blick geraten!
zig kulturstätten die mit einem verschwindenen bruchteil der förderung des volkstheaters oder ganz ohne auskommen und bedeutend mehr menschen ansprechen!
Und liebe Kollegen, Musiker und Veranstalter... ganz ehrlich... wer würde uns, in nur ansatzweise ähnlichem Rahmen fördern, wenn wir das Haus nicht voll machen.
Ich bin definitiv für das theater, aber nicht unter diesen umständen, in den vorliegenden strukturen und um jeden preis!

https://drive.google.com/file/d/0BwRaKa9q6gA5c1lpOHMxX1gycFE/view?pli=1

m.heilfort
8

Als ehemaliges Mitglied dieses Hauses habe ich schon mehrfach zu der Problematik Stellung bezogen,und ich kann nur eins über diesen Stadtrat sagen,fischköppe,stinkende fischköppe !!!!

Barbara Blankenburg
9

Es ist zutiefst beschämend, wie sich der Oberbürgermeister und der Ausschuss verhalten!
Das macht traurig, wütend und fassungslos! Herr Methling, sie missbrauchen Ihre Stellung!

Gisela Rindle
10

Genau das ist es und so habe ich es vor 25 Jahren schon in Oberhausen erlebt: zuerst ekelt man den Intendanten raus und dann soll sich der Rest von selbst ergeben. Ich bin völlig fassungslos, dass der Rostocker Stadtrat zu diesen miesen Trick herab lasst. Schade um das renommierte Theater . Schade um die schöne Stadt.

Anne Zwanzig
11

Ein trauriger Tag für die Kulturlandschaft in Deutschland!

Henriette Sehmsdorf
12

Der Schaden, den diese Kündigung nach sich zieht, beschränkt sich nicht nur auf die Stadt Rostock!
Wir Theaterschaffende in Mecklenburg-Vorpommern sehen uns durch diese Handlungsweise nur noch mehr entmutigt und packen schon innerlich unsere Koffer ! Wenn wir gehen müssen, gehen wir mit unseren Kindern und das tut nicht nur uns weh - in einem Bundesland von gerade mal 1,4 Mio Einwohnern!

Cornelia Heyse
13

!!!!!!!!!

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