Für immer Pauls Paula

Die Schauspielerin Angelica Domröse wird 70

Angelica Domröse war 30, als sie 1971/72 den DEFA-Regisseur Heiner Carow bekniete, die weitaus jüngere Paula in Ulrich Plenzdorfs "Die Legende von Paul und Paula" spielen zu dürfen. Seither verkörperte sie Hunderte andere Figuren in Film und Theater - für die meisten Zuschauer aber ist sie selbst zu ihrem 70. Geburtstag am 4. April noch immer Pauls Paula.

Ganz am Anfang der Karriere stand ein Casting gewaltigen Ausmaßes. 1958, Domröse verdiente ihr Geld mit Schreibarbeiten in den Büros einer Handelsfirma in Ost-Berlin, suchte Slatan Dudow ("Kuhle Wampe") ein frisches Gesicht für seinen Film "Verwirrung der Liebe". Glaubt man den DDR-Kino-Journalen der damaligen Zeit, gab es 15.000 Bewerberinnen.

Kurz darauf wurde aus der Stenotypistin die Schauspielstudentin Domröse. Vor und nach den Dreharbeiten führte sie der Weg von den Babelsberger Studios in die benachbarte Film-Hochschule. Dann meldete sich der Deutsche Fernsehfunk. Die Adlershofer Sendeanstalt ließ mit ihr in der Hauptrolle die Komödie "Papas neue Freundin" drehen. Der Film wurde so erfolgreich, dass zwei Fortsetzungen folgten.

Als Ehemann Clown Ferdinand

Der Ruhm sollte doppelt positive Folgen haben. Neben Christl Bodenstein war Angelica Domröse der Filmstar des Landes. Vor allem aber erhielt sie mit 20 das, worauf andere Schauspieler ein Leben lang hoffen: den Ruf an das Berliner Ensemble (BE). Helene Weigel engagierte die 20-jährige Domröse. Aus dem DEFA-Sternchen wurde eine anerkannte Brecht-Darstellerin.

Auch privat entwickelte es sich prominent. Angelica Domröse wurde 1966 die Frau ihres Kollegen Jiri Vrstála, den die Kinder als Clown Ferdinand liebten. Ebenfalls 1966 kürte man sie zur Schauspielerin der Jahres. Nach Marianne Hoppe (1939) und Ruth Leuwerik (1955) verlieh Angelica Domröse 1967 der 17-jährigen Effi Briest das Gesicht ihrer Zeit.

Die 70er Jahre sollten für die Domröse in jeder Hinsicht das Jahrzehnt der Zäsur werden. "Die Legende von Paul und Paula" reißt ab 1973/74 das Kino-Publikum mit, auch wenn ihn die DDR-Oberen zunächst gar nicht auf der Leinwand sehen wollten. Die zum Heulen tragisch-schöne Liebesgeschichte zwischen der Kassierin Paula und ihrem Paul (Winfried Glatzeder) wurde auch durch die von den Puhdys interpretierten Lieder "Geh zu ihr" und "Wenn ein Mensch lebt" Kult.

Komponist der Songs ist Peter Gotthardt. Er sagt über Angelica Domröses Arbeit: "Die Paula ist ihre Glanzrolle." Noch heute erinnere er sich gern, wie mit ihr "Das Lied von de Äppelfrau" erarbeitet wurde, das Paula an der Kasse einer Kaufhalle schmettert: "Ich half Angelica beim Einstudieren meiner Melodie und dirigierte schließlich die ganzen Leute, die in ihren Gesang einstimmten. Es war so verrückt, wie es vom Film herunterkommt."

Inzwischen will die Schauspielerin kaum noch etwas damit zu tun haben. Als Gotthardt 2010 eine Doppel-CD mit Interpretationen der beiden zentralen Songs des Films und einem neuen "Paul und Paula"-Lied produzierte, sagte sie ab, im Gegensatz zu Glatzeder. Zu sehr hatte sich nach 1990 ein Ostalgie-Hype um den Film entwickelt. Sie und "ihr" Paul waren als das "Traumpaar des Ostens" herumgereicht worden.

Dabei hatte sich "der Osten" von ihr verabschiedet, als sie und ihr zweiter Mann, der Schauspieler Hilmar Thate ("Der Fall Gleiwitz"), 1976 die "Biermann-Resolution" unterschrieben. Es folgten Repressalien und schließlich 1980 die Ausreise aus der DDR.

Auch im Westen schnell Erfolg

Die brillanten Schauspieler fassten im Westen schnell Fuß und sind nach wie vor gefragt. "Angelica spielt derzeit im Hamburg Theater", sagt Thate. 2008 führte sie die Komödie "Filumena" am Potsdamer Hans Otto Theaters noch einmal mit Glatzeder zusammen - eine Konstellation, die sie ausdrücklich nicht mit "Paul und Paula" verbunden wissen wollte. Doch Publikum und Presse sahen das anders.

Sensibler agierte der Progress-Filmverleih, der nicht nur "Paul und Paula" vertreibt, sondern 2010 und 2011 erstmals den "Paula"-Preis verlieh. Er geht an verdiente deutsche Schauspieler, die ihre Karriere bei der DEFA begannen. Preisträgerinnen waren Katrin Sass und Katharina Thalbach. "Ihn zuerst an Frau Domröse zu vergeben, erschien uns zu vordergründig", sagt Sprecherin Barbara Löblein. "Aber natürlich ist sie für viele Zuschauer zuallererst die Paula."

Von Torsten Hilscher

dapd

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