Frank Castorf wird 60

Es geht doch noch: Für Frank Castorf, den Regisseur und Intendanten der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, gab es nach einigen Jahren der Schelte und Häme mal wieder einen veritablen Erfolg zu feiern. Bei den Wiener Festwochen glänzte er im Juni mit einer weiteren Dostojewski-Adaption und fand Applaus bei Kritikern wie Zuschauern.

Nach ebenso grandiosen wie unglaublich absurden Ekel-Theater-Inszenierungen an der Volksbühne in den vergangenen Jahren gelang ihm mit "Der Spieler" jetzt sogar eine heitere Aufführung, die bald auch in Berlin zu sehen sein wird. Am Sonntag (17. Juli) feiert der so stilprägende Theaterprovokateur seinen 60. Geburtstag.

Die großen Erfolge, die tonangebenden Inszenierungen, für die es Auszeichnungen hagelte, liegen schon mehrere Jahre zurück. Fünf Mal kürte ihn das Fachblatt "Theater heute" zum Regisseur des Jahres, fünf Jahre lang erhielt er Einladungen zum Berliner Theatertreffen, der jährlichen Bestenschau der deutschsprachigen Bühnen. Doch seit ein paar Jahren gilt Castorf vielen als ausgebrannt, als erstarrter Routinier des Erfolgs. Und so räumte er eigene Versäumnisse ein: "Ich hätte viel radikaler und viel früher dieses Theater, das Ensemble verändern müssen", sagte er 2009 der "Süddeutschen Zeitung". Durch die "Routine des Erfolgs" sei das "weggerutscht".

Karrierestart in der Provinz

Geboren wurde Castorf am 17. Juli 1951 im Ostteil Berlins, sein Vater war Kaufmann. Nach dem Abitur ging es für ihn zunächst mal ab in die Produktion, und er wurde Facharbeiter bei der Reichsbahn, bevor er sein Studium der Theaterwissenschaften an der Humboldt-Uni antrat. Ein erstes Engagement folgte 1976 in Senftenberg. Als Regisseur in Brandenburg geriet er ab 1979 zunehmend in Konflikt mit den SED-Kulturverantwortlichen, und seine Arbeiten verschwanden rasch vom Spielplan.

Es folgte die tiefe Provinz: Ab 1981 war Castorf Oberspielleiter in Anklam im fernen Vorpommern. Hier avancierte er aber rasch mit Arbeiten von William Shakespeare, Heiner Müller und Henrik Ibsen zum Geheimtipp unter Theaterfreunden der DDR. Für den "Stückezertrümmerer", "Klassik-Schänder" und "Wüterich aus der Provinz" pilgerte die Kultur-Schickeria fortan nach Anklam, um seine politisch oppositionellen, wild-anarchischen Inszenierungen zu sehen.

Noch vor dem Zusammenbruch der DDR schaffte es Castorf an die großen Bühnen im Westen. So zeigte er 1989 Inszenierungen in München, Köln, Basel und Hamburg. 1992 übernahm er die Intendanz der Volksbühne Berlin. Mit gemäßigten Eintrittspreisen, viel politischem Begleitprogramm sowie Tango- und Rocknächten kam vor allem das junge Publikum zunächst in Scharen. Castorf begriff seine Arbeit als Intendant und Regissseur als "bunten Abgesang auf das bürgerliche Theater". Er mischte die Abende "mit ästhetischen Anleihen bei Seifenopern, Reality-Shows und Talkshow-Exzessen", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". 2006 wurde dann öffentlich von einer Krise des Hauses gesprochen, die Zuschauer blieben aus, die "Stuttgarter Zeitung" bezeichnete Castorfs Arbeit als "erschöpft".

Kurze Erfahrung Ruhrfestspiele

Gerne strapaziert Castorf sein Publikum über jedes zeitverträgliche Limit hinaus: So brachte es seine Version von Dostojewskis "Schuld und Sühne" 2005 locker auf sechseinhalb Stunden. Da wurde gemordet, brutaler Sex praktiziert, erbrochen und in einem mit Fäkalien überquellenden Klo gewühlt. Seine Bühnenstars wie Martin Wuttke, Milan Peschel und Thomas Thieme - allesamt heute begehrte Fernsehschauspieler - spielten sich die Seele aus dem Leib. Doch dieses Castorfsche Provokationstheater löste zuletzt keinen Skandal mehr aus.

Zusätzlich zu seinen Berliner Verpflichtungen hatte Castorf 2004 die künstlerische Leitung der Ruhrfestspiele Recklinghausen übernommen. Doch dieses Kapitel endete unrühmlich: Bereits vier Wochen nach der Eröffnungspremiere wurde er wegen des geringen Publikumsinteresses fristlos entlassen.

Bis 2013 läuft sein Vertrag als Volksbühnen-Intendant noch. Was danach aus dem eher zuschauerschwachen, aber dennoch hoch subventionierten Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird, gibt schon jetzt Raum für öffentliche Spekulationen.

Von Angelika Rausch
dapd

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