Helmut Markwort als der müde Tod

«Focus»-Chefredakteur spielt im «Hessischen Jedermann» des Volkstheaters Frankfurt mit

Erschöpft sieht Helmut Marktwort als Tod aus, müde. Ihm ist auch viel zu warm auf der Bühne an diesem heißen Juli-Tag. «Ich hab das dickste Kostüm von allen», sagt Markwort - nicht in Hemd und Anzug, wie man den «Focus»-Chefredakteur kennt, sondern im löchrigen schwarzen Mantel und mit einem breitkrempigen Hut.

So ist Markwort als Tod im Stück «Der hessische Jedermann» zu erleben, das das Volkstheater Frankfurt ab 16. Juli im Archäologischen Garten zwischen Dom und Römer aufführt. Regisseur Wolfgang Kaus hat das berühmte «Spiel vom Sterben des reichen Mannes» von Hugo von Hofmannsthal ins Hessische übertragen.

Helmut Markwort kommt aus Darmstadt, er kann Hessisch reden. Unter der Hutkrempe leuchten seine grünen Augen auf, als er bei einer Probe dem Jedermann, gespielt von TV-Schauspieler Ralf Bauer, die Hand auf die Schulter legt, um ihn abzuholen. Der reiche Mann wehrt sich naturgemäß, doch der Tod spricht: «Da kannste strampele, wie de willst, egal, du kommst mit.» Dabei dreht Markwort seinen Kopf nach rechts, seine erhobene Hand folgt der Bewegung - und erinnert so an den Markwort, den man aus der «Focus»-Fernsehwerbung kennt, wenn er mit Verve die Themen im nächsten Heft ankündigt.

Markwort leitet das Münchner Nachrichtenmagazin noch bis Ende September, sein Nachfolger Wolfram Weimer arbeitet bereits in der Chefredaktion. Damit bleibt dem 73-jährigen Journalisten mehr Zeit für anderes. Volkstheater-Regisseur Kaus habe ihn vor Weihnachten vorigen Jahres gefragt, ob er den Tod in der hessischen Adaption des «Jedermann» spielen wolle. Markwort sagte Anfang des Jahres zu. «Des Jahr könnt net schöner anfange», habe Kaus geantwortet, berichtet Markwort lächelnd.

Den ganzen Juli über wohnt Helmut Markwort in Frankfurt. Die erste Hälfte des Monats wird geprobt, die zweite gespielt. Der gelernte Journalist will als Amateur-Schauspieler nichts dem Zufall überlassen: «Man muss einen Text zweimal lernen. Das eine Mal einfach nur den Text.» Dazu habe er die Verse der Figur mit der Hand abgeschrieben, dann mehrfach kopiert und die Zettel überall in seiner Münchner Wohnung und seinem Frankfurter Domizil verteilt - im Bad, in der Bibliothek, auf dem Nachtschränkchen. «Dann merkt man aber beim Proben, dass man dauernd abgelenkt wird. Also muss man lernen, wie man den Text auch beim Spielen wiedergeben kann. Schauspieler nennen das Spielastik», erklärt Markwort.

Auf der Probebühne des Volkstheaters gehen sie gerade die Szene des Gelages durch. An diesem Punkt wendet sich das Schauspiel. Jedermann trinkt mit seiner Buhlschaft, gespielt von Alexandra Seefisch, und seinen Vettern. Sie heben ihre Humpen, man singt und lacht, nur der Jedermann verzieht immer öfter sein Gesicht. Markwort als der Tod kommt langsam näher, eine schleichende Bedrohung. Später im Dialog setzt er sich auf eine Bank.

«Ich bin ein alter, müder Tod», erklärt Markwort die Szene. «Der Jedermann ist wahrscheinlich mein millionstes Opfer. Ich bin ein Auftragskiller. Gott schickt mich immer wieder los. Da spring ich nicht rum, als wäre das mein erster Fall.» Markwort sagt, er habe sehr viel nachgedacht über seine Rolle.

In drei Szenen wird Markwort vor dem Frankfurter Publikum auftreten: am Anfang, als Gott ihn beauftragt, in der Mitte, als er Jedermann abholen will, und am Ende, als er mit dem Teufel streitet, wer ihn letztlich bekommt, den Jedermann. Diese dritte Szene hat Regisseur Kaus eingefügt, in Hugo von Hofmannsthals Fassung von 1911 kommt sie nicht vor.

Kaus berichtet, er habe das Stück so umgeschrieben, dass es zur Stadt passt. Es geht um einen Mann, der sein Geld mehr ehrt als Gott - also lässt Kaus den Jedermann auf die vielen Frankfurter Banken anspielen und auf die Wirtschaftskrise. «Es ist ein sehr heutiges Stück», sagt Kaus. «Aber ich hab auch viel Geld verloren in der Krise», sagt Jedermann einmal zum Schuldknecht, der freilich gar kein Geld mehr hat.

Bei den Proben zum «Hessischen Jedermann» fällt auf, dass ausgerechnet zwei der Hauptfiguren, Jedermann und seine Buhlschaft, nicht Hessisch reden. Kaus winkt ab und sagt: «Die Buhlschaft krieg ich noch ein bisschen hessisch hin. Der Jedermann steht für sich allein, der muss nur in sich stimmig sein und nicht unbedingt Hessisch reden.»

Helmut Markwort stellt sich derweil für ein Probenfoto neben einen schwarzen Sarg. Den wird der Tod bei der Aufführung hinter sich her ziehen. Es soll ihn noch müder wirken lassen.

Von ddp-Korrespondent Stephan Loichinger
ddp/loi/jfr

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel

Erst streicht die Stadt dem Autorentheaterprojekt Wiener Wortstätten die Förderung – dann droht ein EU-Projekt zu platzen. Mitgründer Bernhard Studlar im Gespräch

Brechts Galilei

1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines…

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Trauer um Ulrike Zemme

Ulrike Zemme, Chefdramaturgin des Theaters in der Josefstadt, ist im 62. Lebensjahr nach…

Neuerscheinungen

Cover Scène 20

Scène 20
Neue französische Theaterstücke

Print € 22,00

Alle

Bestseller

Alle

Sonderangebote

Cover Volksbühne

Volksbühne
Frank Castorf - Intendanz

- 56%

Print € 8,00 € 18,00

Alle

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler