Historisches Landschaftstheater im Museum

Seltene Rekonstruktion des «Eidophusikons» von 1781 wird in Hamburg bespielt

Hamburg - Im Hintergrund ist Donnergrollen zu vernehmen, es blitzt und zuckt hinter der handbemalten Leinwand. Wolken jagen im Schnelldurchlauf vorüber. Bei starkem Wellengang schiebt sich ein altes Segelschiff durchs Wasser. Doch eine Klippe wird ihm zum Verhängnis: Am Felsen zerschellt das hölzerne Boot und sinkt.

Der «Schiffsuntergang» ist eine der fünf Originalszenen des historischen Eidophusikons, des Landschaftstheaters aus dem 18. Jahrhundert. Weltweit gibt es nur drei Rekonstruktionen. Eine davon ist im Altonaer Museum in Hamburg zu bestaunen.

«Eidophusikon ist griechisch und bedeutet Abbildung oder Nachahmung der Natur», erklärt Donata Predic, die an der Rekonstruktion der lange vergessenen Theaterform in Hamburg mitgewirkt hat und nun wöchentliche Vorstellungen anbietet. Im Jahr 1781 habe der Porträt- und Landschaftsmaler Philippe Jacques de Loutherbourg dieses Naturtheater erfunden und in England die fünf Szenen vorgeführt. Wenige Jahre später sei diese Form des Theaters jedoch in Vergessenheit geraten.

Mit bescheidenen Mitteln spielt die 45-jährige Theaterwissenschaftlerin nun mehr als 200 Jahre später jede Woche die Szenen durch. Mit den liebevoll von Hand gefertigten Requisiten werden zwei der Originalszenen von 1781 sowie zwei in eigener Dramaturgie entwickelte Szenen vorgeführt. «Neben dem Schiffsuntergang und einer Londoner Szene mit einer Militärkompanie spielen wir noch ein selbst konzipiertes Märchen und eine Szene aus Hamburg», sagt Predic. Schauspieler benötigt das Theater nicht. Es gehe einzig darum, die Naturgewalten möglichst echt nachzuahmen.

«Loutherbourg hat die damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse verbunden, um eine naturgetreue Wirkung zu erzielen», sagt Predic. Die Theaterform sei Teil des damaligen Bildungsanspruches gewesen. Damals sei es eine Sensation gewesen, Licht, Geräusche und Bewegung als Einheit im Theater zu erleben. Das Eidophusikon, das im Altonaer Museum auch «Wolkentheater» genannt wird, stehe für die Idee, Bilder in Bewegung zu bringen. «Eigentlich handelt es sich dabei um den Vorläufer des Lichtspiels, also des Kinos.»

Das nachgebaute Eidophusikon in Hamburg habe «musealen Seltenheitswert», sagt Matthias Seeberg von Altonaer Museum. «Mit der Rekonstruktion haben wir eine Nische gefunden», ergänzt Predic. So interessierten sich nicht nur viele Kunsthistoriker für das Eidophusikon, auch die Besucher des Museums seien von dem Theater beeindruckt. «Mich überrascht, wie das Wolkentheater vor allem Kinder begeistern kann, denn hier gibt es ja nicht diesen Input und diese Action, die sonst auf die Kinder einwirken.»

Wie viele Hände die Bespielung des «Wolkentheaters» benötigt, zeigt ein Blick hinter die Kulissen: Für die London-Szene müssen nicht nur die Holzsoldaten der Militärakademie von Hand bewegt und die Leinwandkurbel gedreht werden, um die darauf abgebildeten Wolken ziehen zu lassen. Auch die unter der Bühne aufgestellte Stereoanlage sowie die Lichtschalter müssen zur Erzeugung der Soldatenrufe und der Lichtverhältnisse bedient werden. «Wenigstens haben wir heute Elektrizität», sagt Predic. «Früher wurden diese Effekte noch mit Gaslampen oder sogar Kerzen hervorgerufen.»

Das Eidophusikon wurde 2004 vom britischen Künstler Robert Poulter für die Ausstellung «Wolkenbilder» im Hamburger Jenisch-Haus nachgebaut. Poulter sei einer der wenigen, die sich mit dieser Kunstform noch beschäftigten, sagt Predic. Es habe eine historische Abbildung des Originaltheaters gegeben, an der sich Poulter beim Nachbau seiner etwa zimmergroßen Bühnenkonstruktion orientiert habe. «Es ist keine hundertprozentige Nachbildung, aber doch sehr nah dran.» Die Version von 1781 sei allerdings etwa dreimal so groß gewesen. Nach dem Erfolg in Hamburg gibt es mittlerweile auch weitere Rekonstruktionen in den USA und Monaco.

Predic ist überzeugt, dass diese Kunstform das Theater weitergebracht hat. «Ich hoffe sehr, dass dieses Medium von mehr Menschen wiederentdeckt wird.» Das Eidophusikon könne die Prinzipien von Film- und Lichteffekten erklären, und zugleich sei die Bespielung auch «ein sehr sinnliches Erleben», sagt die Theaterwissenschaftlerin. »Das Eidophusikon ist nicht nur ein Theater und eine eigene Form der Kunst, es ist auch in sich selbst ein Gesamtkunstwerk."


von Jelena Pflocksch / ddp

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