John Neumeier feiert 40. Jubiläum als Ballett-Direktor

Der US-Amerikaner lebt seinen persönlichen und beruflichen Traum

John Neumeier hat ein künstlerisches Ziel: Er möchte die Zuschauer direkt über den Tanz emotional erreichen. Er wolle «Bewegungen kreieren, die bewegen», sagt der Hamburger Ballett-Intendant im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp. Mehr als 130 Choreografien hat er in den vergangenen Jahrzehnten auf diese Weise geschaffen, ist weltweit dafür ausgezeichnet worden.

Am Dienstag (1. Dezember) feiert er sein 40-jähriges Jubiläum als Ballett-Direktor. Er krönt diesen Anlass mit der Uraufführung des Balletts «Orpheus» am 6. Dezember, das von einer der romantischsten mythologischen Gestalten der Antike erzählt.

Mit «fast nur positiven Gefühlen» blickt Neumeier auf seinen bisherigen Weg zurück: «Ich empfinde mich als sehr privilegiert, dass ich die Möglichkeit habe, mein Leben so leben zu können, wie ich es tue.» Das bedeute jedoch nicht, dass es immer einfach gewesen sei - im Gegenteil: «Ich musste viel kämpfen, muss es bis heute», gesteht der 67-Jährige.

1942 in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin geboren, erhielt Neumeier seinen ersten Ballettunterricht in seiner Heimatstadt und später in Kopenhagen und an der Royal Ballet School in London. An der Marquette Universität in Milwaukee schloss er erfolgreich das Studium der Englischen Literatur und Theaterwissenschaften ab. 1963 holte ihn John Cranko an das Stuttgarter Ballett, wo Neumeier zum Solisten avancierte und seine ersten Choreografien umsetzte.

Sechs Jahre später startete Neumeier in Frankfurt am Main seine Karriere als Ballett-Direktor. Dort erregte er rasch Aufsehen, insbesondere durch seine Neudeutung bekannter Handlungsballette wie «Der Nussknacker», «Romeo und Julia» und «Daphnis und Chloë». 1973 geht Neumeier nach Hamburg. Unter seiner Direktion und Chefchoreografie wurde das Hamburg Ballett zu einer der führenden deutschen Compagnien und erhielt zahlreiche internationale Preise. Seit 1996 ist Neumeier zusätzlich Ballett-Intendant in Hamburg.

Als besonders wertvoll empfindet Neumeier vier seiner Ballette: Die »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« war richtungsweisend für seine Arbeit, weil er darin erstmals seine Idee eines sinfonischen Balletts umsetzte. Mit »Die Kameliendame« hat er vermutlich die meisten Menschen erreicht. Mit 200 Aufführungen allein in Hamburg, weiteren auf Tourneen mit dem Hamburg Ballett, in Stuttgart und bei anderen Compagnien sowie mehreren Verfilmungen ist es sein populärstes Stück. Im Frühjahr 2010 feiert es mit dem American Ballet Theatre an der Metropolitan Opera in New York Premiere.

Als besonders innovativ bezeichnet er »Die kleine Meerjungfrau«, weil Musik, Bühnentechnik und Choreografie darin zu einem modernen Ballett wurden - ohne die Tradition des klassischen Handlungsballetts zu vernachlässigen.

Und schließlich nimmt die choreografische Gestaltung von Bachs »Matthäus-Passion« viel Raum in seinem Herzen ein. «Sie spiegelt meine künstlerischen und religiösen Überzeugungen wider. Nicht nur das Resultat, auch die Kreation war eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem Arbeitsleben», sagt Neumeier, der zudem beinah  zeitlebens vom Wesen und Werk Vaslaw Nijinskys (1889-1950) fasziniert ist. Alljährlich setzt er dem russischen Jahrhunderttänzer und Choreografen mit der «Nijinsky-Gala» zum Abschluss der «Hamburger Ballett-Tage» ein Denkmal.

Trotz der Erfahrung von 40 Jahren als Ballett-Direktor ist die Herausforderung für Neumeier die gleiche geblieben: «Ich möchte mich der Herausforderung immer in einer neuen Form stellen und eine neue Ausdrucksform finden. Nichts ist schlimmer, als sich zu wiederholen», sagt der 67-Jährige. Es sei wohl diese Hartnäckigkeit, die ihn zum dauerhaften Erfolg verholfen habe. Um etwas am Leben zu halten, müsse man es stetig erweitern. «Das zehrt an den eigenen Kräften, gibt mir aber auch viel Energie - mein künstlerisches Lebenselixier gewissermaßen», erklärt der Choreograf.

Seine Kreativität als Künstler will Neumeier nicht aufgeben. Solange er Direktor einer Compagnie sei, sei diese Verbindung wichtig für ihn, sagt er. Wann sich der kreative Teil in ihm zur Ruhe setzen möchte, weiß er nicht: «Ich habe keine Erfahrung damit. Aber ich glaube, dass ich es instinktiv spüren würde, wenn dieser Zeitpunkt kommen würde.» Ohnehin habe er Glück, schon so lange seinen persönlichen und beruflichen Traum zu leben.

Von ddp-Korrespondentin Jana Werner, ddp

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