Keine Zukunft für freies künstlerisches Schaffen in den Uferhallen im Wedding?

Berlins Gentrifizierung verdrängt Kunst und Kultur aus ihren kreativen Freiräumen

Die Uferhallen in Berlin Wedding, in denen ungefähr 50 Künstler*innen ihre Büros und Ateliers haben, sind an einen Privatinvestor verkauft, einer davon soll einer der Gründer von Rocket-Internet sein. Nun rechnen die Kunstschaffenden mit steigenden Mieten, wenn nicht sogar der baldigen Kündigungen. Auch der Senat wollte die Hallen auf dem 19.000-Quadradmeter großen Gelände kaufen, wurde aber mit mehr als der doppelten Summe überboten. „Der Senat und die Verwaltung für Kultur werden sich nicht mit Steuergeldern am Aufpumpen der Immobilienblase beteiligen“, so Daniel Bartsch, Sprecher der Senatsverwaltung für Kultur. Der Verkaufspreis liegt nun bei um die 30 Millionen Euro und soll zum 29.09.2017 überwiesen werden. Rocket-Internet, sowie die Uferhallen AG selbst halten sich, was den Verkauf des Geländes angeht, äußerst bedeckt.

Dabei sollte genau solch einer Situation vorgebeugt werden, als die Uferhallen AG 2006 das Gelände beim Gesundbrunnen der BVG abkaufte, die dort bis zu diesem Zeitpunkt U-Bahnen und Busse reparierte. Gemeinsam mit beteiligten Künstler*innen gab es den Plan, dass möglichst viele Kleinaktionäre Anteile des Geländes kaufen um zu verhindern, dass es einen Großinvestor gibt, dem die alleinige Entscheidungshoheit zukommt. Genau dies ist jetzt der Fall.

Nun meldeten sich Wibke Behrens und Christophe Knoch, Vertreter*innen der Koalition der Freie Szene Berlin in Form eines Weckrufs zu Wort und appellieren an Senat und Stadt, solche Verluste, wie es der Verkauf und die drohende Auflösung der Kunstszene in den Uferhallen für die Stadt und Menschen, für Kultur und ein freies kreatives Kunstschaffen, bedeutet, in Zukunft frühzeitig zu verhindern:
"Die Uferhallen im Wedding sind ein Herzstück der kulturellen Infrastruktur in Berlin. Wenn sie - und das droht nach ihrem Verkauf natürlich! - luxussaniert und gentrifiziert werden, sind über 100 Arbeitsplätze für Künstler*innen und Kulturschaffende mit einem Handstreich verloren. Und nicht nur im Wedding: In ganz Berlin müssen Bezirksämter und muss der Senat alles tun, um auch Standorte von Kunst und Kultur in Erhaltungssatzungen und ähnliche Regelwerke einzubeziehen. Wenn, wie bei dem Verkauf der Uferhallen, aus sechs Millionen Euro Anfangsinvestition nach 10 Jahren ohne weitere Gegenleistung insgesamt 35 Millionen Euro Verkaufserlös werden können: dann wird so ein Gewinn eben auch gemacht, weil kein Regelwerk das verhindert  oder wenigstens einschränkt. Was interessiert bei solchen Profitraten einen Uferhallen-Großaktionär aus Hamburg, was aus Berlin und seinen Künstler*innen, überhaupt seinen Bürgern wird? Solche Spekulationsgewinnspannen machen eine nachhaltige Stadtentwicklung im Sinne der Kultur und überhaupt im Interesse der nicht besserverdienenden Einwohner Berlins nahezu unmöglich. Das Grundgesetz unterwirft Eigentum einer Sozialbindung. Der Besitz ist nicht um der Besitzenden willen da – genau dazu wurde die Sozialbindung des Eigentums eingeführt. Einmal mehr und vielleicht noch viel dringlicher stimmt: „Geist ist flüchtiger als Kapital, - haltet ihn fest!“

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