Krise als Theater-Inszenierung

Wuppertaler Schauspielhaus bringt eigene Finanzmisere auf die Bühne

Hüpfend und stampfend laufen die Darsteller des Wuppertaler Schauspielhauses durch den Probenraum. Die Mimen werfen sich Holzstäbe zu oder prallen filmreif von Betonwänden ab. Szenen wie diese bekommt das Publikum sonst nicht zu sehen - was sie normalerweise präsentiert bekommen, ist das fertige Ergebnis: die Inszenierung des "Kirschgartens" unter der Leitung des Schauspielintendanten Christian von Treskow.

Dass es diesmal solch sehr intime Einblicke in den Probenalltag der Wuppertaler Schauspieler zu sehen gibt, liegt an René Jeuckens und Grischa Windus. Mit ihrer Filmproduktionsfirma Siegersbusch haben sie die Inszenierung des "Kirschgartens" neun Wochen lang hautnah begleitet und den Dokumentarfilm "Über den Zustand des Nutzlosen" geschaffen, der "in dieser Form einmalig ist", wie Jeuckens erklärt.

Tschechow-Stück aktualisiert

Doch bei dem Film und dem Stück "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow geht es um weit mehr als nur die reine Inszenierung und Dokumentation. "Das Stück habe ich als Statement zur Darstellung der gegenwärtigen Situation des Wuppertaler Schauspielhauses ausgewählt", erklärt Christian von Treskow.

Die frühere Industriemetropole Wuppertal im Bergischen Land ist hoch verschuldet und das örtliche Schauspielhaus wurde von der Politik auf die Streichliste gesetzt. "Das hat man einfach verkündet, niemand hat uns vorher eingeweiht", sagt der Intendant kopfschüttelnd. Längst ist der seit Monaten andauernde Kampf der Wuppertaler Künstler und Bürger gegen die drohende Schließung ihres Hauses auch bundesweit zum Symbol geworden. "Es geht darum, dass wir in einer Gesellschaft leben, die alles auf ihren ökonomischen Nutzen hin abklopft. Und was diesen Ansprüchen nicht standhält, wird einfach aus dem Weg geräumt."

Mit dem "Kirschgarten" greift von Treskow genau dieses Problem auf und bringt es für alle sichtbar auf die Bühne. Denn das Stück handelt davon, dass die Gutsbesitzerin Ranjewskaja ihren Kirschgarten veräußern muss. Er steht zwar in voller Blüte, sieht wunderschön aus, doch wirft für die hochverschuldete Besitzerin keinen finanziellen Nutzen ab. "Das ist fast schon zu offensichtlich, was wir damit sagen wollen", erklärt von Treskow. Als ihn kurz vor Beginn der Proben im Mai dieses Jahres die Anfrage des Filmteams erreicht hat, hat er sofort zugesagt. "Ich habe mich natürlich sehr über das Interesse an uns gefreut. Auf der anderen Seite hilft der Film vielleicht auch, durch seinen Symbolcharakter der Stadt klar zu machen: Ihr habt Mist gebaut", hofft er.

Dass diese Hoffnung nicht unbegründet ist, erklärt Petra Müller, Geschäftsführerin der Filmstiftung NRW. "Filme können ganz sicher unsere Perspektive verändern, sie tragen bei zur gesellschaftlichen und politischen Diskussion und können in ganz besonderen Situationen auch direkte Veränderungen auslösen", erklärt sie und liefert auch direkt ein Beispiel. "Der von der Filmstiftung NRW geförderte WDR-Film 'Contergan' der Kölner Firma Zeitsprung konnte zum Beispiel nach langem Rechtsstreit bewirken, dass das Pharmaunternehmen Grünenthal 2008 weitere 50 Millionen Euro an die Contergan-Opfer zahlte."

Was ist Kunst wert?

Das durch seinen Film dargestellte Problem bringt Filmemacher René Jeuckens auf den Punkt. "Letztlich geht es um die Frage: Was bedeuten uns Kunst und Kultur?" Entstanden ist ein etwa 60 Minuten langer Dokumentarfilm, der demnächst auf Filmfestivals gezeigt werden soll, komplett auf eigene Kosten. "Für uns gab es keine Geldquellen oder Sponsoren." Er habe es noch nie erlebt, dass ein Projekt so vehement abgelehnt worden sei. "Man befürchtet, dass der Film zu einem Politikum wird", vermutet er. Letztlich habe man ihm sogar nahegelegt, den Film nicht zu realisieren. Darüber, dass er es trotzdem gemacht hat, ist auch Christian von Treskow froh. "Es tut gut, wenn man von der Stadt einmal etwas zurück bekommt", erklärt er. Eine Stelle im Film fällt besonders auf. Dort geht es um Medien, das neue Zeitalter, und von Treskow sagt: "Das Neue gewinnt immer." Aber ist mit dieser Einstellung nicht der ganze Kampf der Wuppertaler Schauspieler von vornherein sinnlos? "Nein", sagt von Treskow, "denn das Neue sind wir".

Von Jan Filipzik
dapd

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