Kurt-Weill-Fest steht unter dem Eindruck der radikalen Sparpläne der Stadt Dessau-Roßlau

Lautstarke Proteste zum Auftakt

Kreativ und lautstark begann das diesjährige Kurt-Weill-Festival bereits vor seinem offiziellen Start am Freitagabend. Rund 1000 Demonstranten, darunter Künstler und viele Bürger der Stadt, versammelten sich eine Stunde vor dem Festakt auf dem Theaterplatz des Anhaltischen Theaters im Zentrum von Dessau und intonierten die Weillsche Ballade «Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens».

Die Adressaten der Lieder waren unter anderem Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) und der US-Botschafter Philip D. Murphy, die auf dem Weg zum Festakt des 18. Kurt-Weill-Festivals die Protestler passieren mussten. «Wann, wenn nicht heute», war eine der häufigsten Begründungen vieler Demonstranten, weshalb sie in dieser Form das Weill-Festival eröffneten.

Grund für die Proteste ist eine jüngst vom parteilosen Dessauer Bürgermeister Karsten Koschig angekündigte Radikalkur bei den Ausgaben der Stadt. Demnach steht Dessau, das wie kaum eine zweite Stadt in Deutschland für den fulminanten Aufbruch des 20. Jahrhunderts in den Bereichen der Kunst, Wissenschaft und Technik steht, unmittelbar vor dem finanziellen Kollaps. Um das klaffende Loch im Haushalt zu schließen, sollen 13,8 Millionen Euro in den kommenden Jahren eingespart werden. Betroffen wären Schwimmbäder und Bibliotheken.

«Ohne die Zuschüsse sind wir nicht überlebensfähig», sagte etwa die demonstrierende Sprecherin des Anhaltischen Theaters, Franziska Blech, über den zu erwartenden Verzicht ihrer Spielstätte auf freiwillige Leistungen von rund 3,5 Millionen Euro. Die daraus resultierende Schließung des Hauses sowie die Entlassung der derzeit rund 350 Mitarbeiter zöge einen riesigen Rattenschwanz durch die Stadt, sagte sie. «Betroffen wären dann Tanz- und Musikschulen, an denen die Musiker und das Ballett des Theaters unterrichten.»

Gemeinsam mit den ebenfalls geplanten Schließungen von Bibliotheken und öffentlichen Bädern käme das dem faktischen Ende des kulturellen Lebens in der Bauhaus-Stadt gleich. «Dessau wäre damit jede Perspektive in die Zukunft genommen», sagte Blech. Zugleich bräche in der wirtschaftlich und folglich auch demografisch schwierigen Region im Osten Sachsen-Anhalts der wohl einzige noch lebendige Bereich mit städtischem Leben und kulturellen Angeboten zusammen. Konsequenzen hätten die Kürzungen zudem auch für das Kurt-Weill-Fest, dem Veranstaltungshighlight in der Bauhaus-Stadt.

«Das Festival ist fest verbandelt mit dem Theater. Als Veranstaltung ohne eigenes Ensemble benötigen wir neben der Spielstätte auch das Orchester und die Schauspieler des Hauses», sagte Thomas Markworth, Präsident der Kurt-Weill-Gesellschaft. Städtische Kürzungen beträfen das Festival also unmittelbar, zumal aus seiner Sicht der tatsächliche Umfang der zu erwartenden Kürzungen noch weitaus höher als bislang angegeben ausfallen wird. «Wenn diese Blut- und Tränenliste tatsächlich durchkommt, zieht auch das Land seine Gelder ab», sagte Markwort. Er befürchte einen Dominoeffekt. An dessen Ende werde ein Mittelausfall von rund acht Millionen Euro.

Allerdings glaube er nicht, dass es überhaupt soweit kommen müsse, sagte Markwort. «Wir verstehen die Streichliste des Bürgermeisters als Aufschrei in Richtung der Politiker im Land und beim Bund, der Stadt Dessau finanziell unter die Arme zu greifen», sagte Markworth. Ob diese Forderungen indes bei den politisch Verantwortlichen unter den Premierengästen am Freitag ankamen, war nicht zu erahnen. Zu konzentriert waren die Besucher auf den Auftakt der Weillschen Festtage, die als einziges Festival ihrer Art den Namen Weill und seiner Geburtstadt Dessau in die Welt tragen.

Von ddp-Korrespondent Michael Klug
ddp/mig/jgu

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