Mit 74 Jahren noch als Tänzer auf der Bühne

Leipziger Siegfried Prölß tanzt bei Ballettpremiere in Magdeburg

Magdeburg - Der Leipziger Siegfried Prölß streckt die Arme weit aus und übt immer wieder eine Pose. Ein Stück abseits vollführt der 26-jährige Petersburger Kirill Sofronow synchrone Bewegungen.

Bei der Bühnenprobe für den Ballettabend «Manon Lescaut» am Theater Magdeburg tanzen beide die Rolle des Chevalier des Grieux - Sofronow den jungen und der 74 Jahre alte Prölß den alten. Er ist der älteste noch auf der Bühne tanzende Palucca-Schüler. Beim Ballettabend in Magdeburg hat Prölß vier Auftritte. Premiere ist am 23. Mai.

«Ich bin ganz schön aufgeregt», bekennt Prölß in der Theater-Kantine. Er habe sofort zugesagt, als er die Einladung aus Magdeburg bekommen habe. Prölß hat nach seiner Theaterlaufbahn in Leipzig Fotografik studiert und auch in diesem Beruf gearbeitet. Erst als Rentner hat ihn ein Projekt von Heike Hennig in Leipzig wieder auf die Bühne geführt. Gemeinsam mit drei weiteren Tänzern trat er in «Zeit - tanzen seit 1927» und später mit seinen Altersgenossen und vier jungen Tänzern in «ZeitSprünge» auf. Das ungewöhnliche Projekt wurde in dem Dokumentarfilm «Tanz mit der Zeit» dokumentiert. In dem Streifen sind auch Originalaufnahmen von Proben mit Gret Palucca und Siegfried Prölß zu sehen. Unter dem gleichnamigen Titel erschien 2008 auch ein Buch.

Prölß erinnert sich noch gut an seine ersten Schritte zum Ballett in einer Volkstanzgruppe in seiner Geburtsstadt Dresden. Damals absolvierte er eine Lehre als Maschinenschlosser und arbeitete als Technischer Zeichner. «Mein Vater wollte, dass ich Ingenieur werde.» Daraus wurde aber nichts, ein Bekannter nahm Prölß zu einer privaten Tanzschule mit. Dort wurde er als begabt eingeschätzt und bekam er die Empfehlung, sich an der Palucca-Schule ausbilden zu lassen. «Ich bestand die Aufnahmeprüfung und ging 1958 nach meiner fünfjährigen Ausbildung an die Oper Leipzig.» Dort entwickelte er sich vom Gruppentänzer zum Solisten, hauptsächlich im Charakterfach. 1972 beendete er seine Bühnenlaufbahn. Prölß hält sich heute mit seinen drei Windhunden und mit Gartenarbeit fit.

Er engagiert sich gemeinsam mit anderen ehemaligen Tänzern aus der DDR für die nach der Wende gestrichene sogenannte berufsbedingte Zuwendung. «Sie wurde nach dem Ende der Laufbahn lebenslang gezahlt und betrug 50 Prozent der Gage, die damals nicht sehr hoch war«, sagt er.

Magdeburgs Ballettchef Gonzalo Galguera ist bei der Lektüre von Abbé Prévosts Romanerfolg «Manon Lescaut» auf die Idee gekommen, die Handlung aus der Perspektive des Chevalier Des Grieux zu erzählen, der sich an seine große Liebe erinnert. »Das Buch berührt ein universelles Thema - Liebe, Schmerz, Altwerden. Es beginnt da, wo es endet - im Exil.» Die Geschichte sei zeitlos, sagt Galguera. Es sei eine Reise von der Gegenwart in die Vergangenheit. »Des Grieux überlebt Manon - er hat das härtere Schicksal. Ich seziere die Figur und erzähle die Geschichte sehr differenziert.»

Es gibt zahlreiche Adaptionen von «Manon Lescaut»: die Opern von Giacomo Puccini und Jules Massenet, Kompositionen von Daniel-Francois-Esprit Auber und Hans-Werner Henze. Für das Ballett schuf Kenneth McMillan 1974 eine Choreografie und griff auf Instrumentalwerke von Massenet zurück. Diese Musik benutzt Galguera in seiner für das Theater Magdeburg neu entwickelten Choreografie. Erstmals verkörpern darin zwei Tänzer die Figur des Des Grieux.

(theater-magdeburg.de)

ddp/koe/han

Foto: F. Minkus

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