Nanine Linning ist neue Chef-Choreografin am Osnabrücker Theater

Niederländischer Star gibt Einstand mit Tanz-Stück «Synthetic Twins»

Mehlstaub wirbelt von der Bühne des Osnabrücker Theaters auf. Eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern hockt am Bühnenrand und knetet aus Teig Menschenfiguren mit zwei Köpfen.

«Lekker», sagt die niederländische Choreografin Nanine Linning auf Holländisch und beendet damit die Probe der Anfangsszene von «Synthetic Twin». Mit der Uraufführung des Stücks wird Linning am Samstag (28. November) ihren Einstand als Chef-Choreografin am Osnabrücker Theater feiern.

In ihrer ersten Produktion für das Schauspielhaus im Domhof bezieht sich die 32-jährige Linning auf einen griechischen Mythos. Danach wurden die Menschen ursprünglich mit vier Beinen, vier Armen und zwei Köpfen von den Göttern erschaffen. Die Anfangssequenz von «Synthetic Twin» spielt auf diese Schöpfungsszene an. Als die Menschen begannen, in den Himmel zu klettern, befahl Zeus, sie in zwei Hälften zu zerschlagen. Seither suchen die Menschen dem Mythos zufolge ihre verlorene Hälfte.

«Wir wollen einen Partner finden, aber nicht die eigene Persönlichkeit verlieren», sagt Linning. Dieser Kontrast stehe im Mittelpunkt von «Synthetic Twin». Mit Video- und Dia-Projektionen, einer Bühnenwand, in die die Tänzer klettern können, und den von der bekannten Designerin Iris van Herpen entworfenen Kostümen erschafft die Choreografin bewegliche Bilder aus Körpern.

Auffallend sind die vielen Kontraste und Gegenpole in dem Stück: Barocke Musik korrespondiert mit industriellen Synthesizer-Klängen, anmutige und akrobatische Bewegungen der Tänzer stehen marionettenhafte und ruckartige Spasmen gegenüber. «Nur mit Kontrasten kann sich Theater weiter entwickeln, dadurch entstehen Emotionen», sagt Linning.

In der Inszenierung von «Synthetic Twin» überschreitet die 32-Jährige eigenen Angaben nach Grenzen: «Ich mag kein reines Tanztheater», sagt sie. Vom Beginn ihrer Karriere habe sie genreübergreifend gearbeitet. Sie möchte verschiedene Kunstformen miteinander verschmelzen. Das sei auch ein Grund gewesen, warum sie im Sommer ans Osnabrücker Theater gekommen sei, wo sie - anders als in den Niederlanden - verschiedene Kunstformen des Theaters unter einem Dach vorfinde, sagt Linning.

In den Niederlanden habe Nanine Linning bereits zahlreiche Preise erhalten, unter anderen den «SWAN» für die beste Choreografie des Jahres, wie die Theaterleitung stolz über ihre neue Chef-Choreografin berichtet. Nach dem Ende ihres Studiums an der Tanz-Akademie wurde sie im Alter von 24 Jahren die jüngste Hauschoreografin in der Geschichte des Scapino-Balletts in Rotterdam. 2006 gründete sie ihre eigene Compagnie. Ihre Arbeiten wurden in Europa, Südafrika und Singapur gezeigt.

«Nanine Linning kann neue Impulse für das Tanztheater geben. Sie sucht neue Formen im Tanztheater und erzählt Geschichten innovativ», sagt der Osnabrücker Theaterintendant Holger Schultze über seine Choreografin. Er erhofft sich von ihrer Verpflichtung zudem eine Signalwirkung für das Ausland. Gastspiele in Amsterdam und Rotterdam sind bereits vereinbart. Weitere sollen folgen. «Dadurch entstehen Synergieeffekte», sagt Schultze.

Leontien Wiering, Direktorin der Tanzschule Amsterdam und des Festivals «Nederland Dansdagen», sagt über Linnig, ihre Qualitäten bestünden darin, Avantgarde zu sein und gleichzeitig ein breites Publikum anzusprechen. «Daher ist sie in den Niederlanden auch außerhalb des Tanz-Zirkels eine sehr bekannte Person», sagt Leontien Wiering.

Bei allen Aufführungen von «Synthetic Twin» sollen übrigens siamesische Zwillings-Stutenkerle mit zwei Köpfen ans Publikum verteilt und symbolisch zerbrochen werden, wie eine Sprecherin des Theaters sagt. Eine Bäckerei stelle dieses traditionelle, aber eben doch sehr veränderte westfälische Gebäck her.

ddp; Thomas Wübker

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