Neubau des Kasseler Staatstheaters wird 50

Die «Notlösung» von einst hat sich auch überregional Renommee errarbeitet

Kassel - Das Foto im aktuellen Spielzeitheft zeigt rohen Beton und einige Glühbirnen. Stünde nicht das Wort «Schauspielfoyer» daneben, man könnte an einen Bunker denken.
Auf dem Bild des Opernfoyers dagegen ist zu sehen, was man sich in der jungen Bundesrepublik unter Pomp vorgestellt hat: Säulen, holzvertäfelte Wände und eine kunstvoll verzierte Decke. Vor 50 Jahren, am 12. September 1959, wurde in Kassel das neu errichtete Staatstheater eingeweiht. Noch heute versprüht es den Charme der 1950er Jahre. Der runde Geburtstag wird am Samstag (12. September) mit Festakt und Jubiläumskonzert gefeiert.

Es war eine Notlösung, geboren aus Streit und Sparsamkeit. Erst war der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg beschädigten Theatergebäudes aus wilhelminischer Zeit verworfen, dann die Umsetzung eines preisgekrönten und viel beachteten Neubauentwurfs noch nach der Grundsteinlegung gestoppt worden. Was daraufhin im Herzen der nordhessischen Großstadt entstand, konnte kein architektonisches Glanzstück mehr werden.

«Über den brachliegenden Fundamenten mussten die Architekten Paul Bode und Ernst Brundig ein Haus errichten, das - mit Blech, Kupfer, Putz und Beton sowie rotem Tuffstein verkleidet - auf den ersten Blick auseinander zu brechen scheint», meinen die Architekten Peter Eickholt und Martin Fässle, die den Bau und seine Tücken bis ins letzte Detail kennen: Sie haben zweieinhalb Jahre, von 2004 bis 2007, an seiner Grundsanierung gearbeitet: «Das alte ausgemergelte Gemäuer ächzt und stöhnt unter der Last der Technik und musste mit vielen individuellen Lösungen untergraben, bandagiert und unterstützt werden», lautet ihr blumig formuliertes Ergebnis.

Das Gebäude war einer der ersten Theaterneubauten nach 1945 in Deutschland. Um es trotz leerer Kassen in der zerbombten Stadt errichten zu lassen, hatten die Kasseler sogar Geld gesammelt und Tombolas veranstaltet. «Wenn die Krise groß ist, ist das Theater wichtig», folgert Intendant Thomas Bockelmann - und erinnert gerne an die Anstrengungen von einst, wenn heute über Kürzungen im Kultursektor diskutiert wird.

Der 54-Jährige aber mag das Haus am Friedrichsplatz nicht nur wegen dieser Geschichte: «Für uns Theaterleute ist wichtiger, dass in beiden Häusern der Funke überspringen kann.» Sowohl im Opernhaus als auch im Schauspielhaus seien die Säle so angelegt, dass auch die Zuschauer auf den hinteren Plätzen noch nah am Bühnengeschehen säßen. «In anderen Theatern gibt es Räume, in denen man immer erst eine Barriere zum Publikum überwinden muss.»

Der Intendant feiert in diesen Tagen auch selbst ein kleines Jubiläum. Seit fünf Jahren leitet er das Staatstheater und hat seitdem sehr erfolgreich bewiesen, dass er den Weg in die Herzen der Kasseler Theatergänger findet. Fast kontinuierlich stiegen die Besucherzahlen an. In der vergangenen Spielzeit strömten 227 000 Menschen zu den Aufführungen - gut 12 Prozent mehr als in der Vorsaison. «Mir wird's langsam unheimlich», sagt Bockelmann. «Wenn es so lange bergauf geht, kann vielleicht irgendwann auch mal die Delle kommen.» Anders als sein Vorgänger Christoph Nix, der mit persönlicher Streitbarkeit wie mit Theaterexperimenten immer wieder aneckte, sitzt Bockelmann in Kassel fest im Sattel.

Manche werfen ihm deshalb vor, ein «Ranschmeißer» zu sein, der sich mit harmlosen Produktionen beim heimischen Publikum anbiedere. Auf der anderen Seite aber erfährt das Kasseler Staatstheater immer wieder auch überregionale Anerkennung. Bei der jüngsten Kritikerumfrage der renommierten Zeitschrift «Theater heute» etwa wurden die Schauspieler Nico Link und Agnes Mann ebenso wie Regisseur Martin Schulze, der einen spektakulären «Hamlet» gezeigt hatte, als beste Nachwuchskünstler der vergangenen Saison genannt. Und Gustav Ruebs Inszenierung der Euripides-Tragödie «Die Bakchen» gewann bei den Hessischen Theatertagen 2009 den Jury-Preis für die beste Inszenierung.

«Für ein Theater dieser Größenordnung und dieser Abgelegenheit hat Kassel ein erstaunlich gutes Ensemble», lobt Peter Michalzik, Feuilleton-Redakteur und Theaterkritiker der «Frankfurter Rundschau». «Thomas Bockelmann gibt jungen Regisseuren die Chance, nicht nur beiläufige, sondern für das Haus wichtige Arbeiten zu machen.» Und er bemühe sich mit regelmäßigen Uraufführungen auch um die neue deutschsprachige Dramatik. «Das ist verdienstvoll - auch wenn die Aufführungen dann möglicherweise nicht immer so glücklich sind, wie er das gerne hätte.» ddp/jbk/ple

Kommentar hinzufügen

- Anzeige -

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Der Fall Europa

Eine Gegendarstellung. Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani über seinen „Kirschgarten“ am Theater Freiburg und die Zensur im Kopf im Gespräch

Mit Atmosphäre umgeben

Ob Schauspiel, Oper oder Konzert – beim Live-Erlebnis macht die britische Szenografin Es Devlin keine Unterschiede

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Neuerscheinungen

Cover Scène 20

Scène 20
Neue französische Theaterstücke

Print € 22,00

Alle

Bestseller

Alle

Sonderangebote

Cover Theater HORA

Theater HORA
Der einzige Unterschied zwischen uns und Salvador Dalí ist, dass wir nicht Dalí sind

- 48%

Print € 25,00 € 48,00

Alle

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Milo Rau

Milo Rau