Neue Impulse für Bad Hersfelder Festspiele

Der neue Intendant Freytag setzt auf Europa

Mit einem Rasenmäher dreht ein Gärtner im Kurpark vor der Stiftsruine seine Runden. Der neue Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, Holk Freytag, blickt auf die gepflegte Grünfläche mit den Blumenbeeten. «Wissen Sie, was Lenin gesagt hat, warum es in Deutschland keine Revolution gibt», fragt er. «Weil auf dem Rasen steht: Betreten verboten.»

Mit diesen Worten stapft der 65-Jährige mit seinen Lederschuhen direkt über das frische Gras, unter seinem Arm klemmt ein Stapel Akten. Der Intendant will frischen Wind in die osthessische Kurstadt bringen. Zuletzt waren weniger Besucher in die Festspiele geströmt, die Spielzeit um eine Woche gekürzt worden.

Trotzdem war die vergangene Saison mit einer Auslastung von 82,6 Prozent bei den drei Hauptstücken etwas unter den Erwartungen geblieben. Dieser Trend soll jetzt ein Ende haben, zumal im nächsten Jahr Jubiläum gefeiert wird: Am 12. Juni beginnen die 60. Festspiele in der Stiftsruine, das Festival dauert wieder acht Wochen. Der neue Intendant will vor ausverkauftem Haus spielen. «Theater sind dafür gebaut, dass sie voll sind», betont Freytag. Das sei zwar nicht alles, aber ohne Zuschauer sei das Theater nichts.

Der Mann steckt voller Tatendrang. Acht Jahre lang war er Leiter des Staatsschauspiels Dresden. «Das ist eine ideale Zeit für einen Intendanten», sagt Freytag. Die eigenen Ideen hätten Grenzen, auch für das Theater seien neue Impulse besser. Als das Angebot für Bad Hersfeld kam, zögerte er keine Sekunde. «Das ist für mich etwas völlig Neues», begründet er seine Entscheidung. Im Gegensatz zum Theater werde bei dem Festival komprimiert in acht Wochen Hochstimmung erzeugt. Und die Stiftsruine biete eine grandiose Kulisse.

Nach der Zusage hat sich Freytag direkt eine kleine Wohnung in der Kurstadt genommen - mit Blick auf die Stiftsruine. Die Hälfte der Zeit verbringt er jetzt in Hersfeld, die andere in seinem Haus am Niederrhein bei Frau und Hund. Der Abschied aus Dresden sei ihm nicht schwer gefallen. Großstadt, Kleinstadt, solche Begriffe mag Freytag nicht. Es gehe um die Menschen, betont er, und die seien in Bad Hersfeld freundlich und offen. «Man muss präsent sein», sagt der Intendant. Die Stadt müsse beteiligt werden, das Festival dürfe nicht nur hinter den Mauern der Stiftsruine stattfinden.

Lediglich fünf Prozent der Einwohner von Bad Hersfeld würden sich die Vorstellungen ansehen. Die Bevölkerung identifiziere sich zwar mit den Festspielen, gehe aber nicht hin. «Ich habe mir vorgenommen, das zu ändern», sagt Freytag. Deshalb sei er viel in der Stadt unterwegs, besuche Konzerte und schlendere über das Lullusfest. Außerdem suche er das Gespräch mit Kirchen und Schulen. Er selbst habe vier Jahre in Köln studiert und sei nie auf dem Dom gewesen. «Jetzt will ich die Hersfelder auf den Dom schicken.» Der Intendant im schwarzen Anzug lacht bei dem Gedanken.

«Das Auslastungsproblem lösen wir damit nicht», sagt Freytag. Das müsse überregional passieren. Deshalb soll die Werbung über die Region hinaus wirken, das Programm künftig zweisprachig erscheinen. Auch mit großen Namen will der Intendant auf die Festspiele aufmerksam machen. Seit langem feilt er an dem Begleitprogramm: Bei der Sommerakademie sollen namenhafte Wissenschaftler, Politiker und Schriftsteller Vorträge halten. Er habe die Vision einer «internationalen Spinnstube», sagt Freytag. Bei dem Festival solle nicht nur Theater gespielt, sondern auch nachgedacht werden.

Die nächsten vier Jahre stehen unter dem Motto Europa. Dabei soll es unter anderem ein Austauschprogramm mit Jugendlichen aus verschiedenen europäischen Ländern geben, die sich während der Festspiele mit dem Thema auseinander setzen. «Ich hoffe, dass sie hier Rabatz machen», sagt Freytag. Ab 2011 will er in Hersfeld zudem Produktionen von europäischen Partnertheatern präsentieren. Über das «Drumherum» solle das Konzept definiert werden: «Dadurch bekommen die Festspiele von einer ganz anderen Ecke Bedeutung.» Das Kerngeschäft bleibe jedoch das Open-Air-Festival.

Der Vorverkauf beginnt am 5. November. Eröffnet werden die Festspiele mit Friedrich Schillers «Wilhelm Tell», außerdem stehen auf dem Programm «Carmen - Ein Deutsches Musical», Maxim Gorkis «Sommergäste» und das Familienstück «Die Brüder Löwenherz» nach Astrid Lindgren. Auch das Musical «West Side Story» wird wegen des großen Erfolgs in der vergangenen Saison wieder aufgeführt.

ddp/kah/pon

Bild: www.bad-hersfelder-festspiele2010.de

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Extrem unwahrscheinlich

Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

Neuerscheinungen

Cover Scène 20

Scène 20
Neue französische Theaterstücke

Print € 22,00

Alle

Bestseller

Alle

Sonderangebote

Alle

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach